Wednesday, 21 November 2018

249 Kleinere Schriften XIIIL 1) Kinder im Jahre 2018 2) Gespräch mit einem Anhänger des Autoritätsprinzips!
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1) Kinder im Jahre 2018
2) Gespräch mit einem Anhänger des Autoritätsprinzips!


1) Kinder im Jahre 2018

Ein paar Kinder im Alter zwischen neun und dreizehn wurden zu einem kleinen Experiment ausgesucht, sie sollen nun ein Bild malen, was ihre Vorstellungen über die Welt sind, auch ich, als alternder Erwachsener nehme daran teil und male fleißig mein eigenes Bild. Während der schöpferischen Tätigkeit entwickelt sich ein reges Gespräch. Immer wieder werfen sie einen Blick auf mein Werk und lächeln. „Wie altmodisch!“ ist der Kommentar. Es stellt einen Affen dar, der am Strand sitzend eine Banane verspeist und dabei den Sonnenuntergang betrachtet, der sich auf der Meeresoberfläche rötlich spiegelt. Ich wollte damit zu erkennen geben, dass unsere persönlichsten Erfahrungen weit entfernt von dem stehen, was wir in Büchern lesen oder uns von der Wissenschaft weißgemacht wird. Manchmal wandern auch meine Augen zu den Gemälden der Kinder, da wohne ich der Entstehung unseres Sonnensystems oder ganzer Galaxien bei.
Nun soll von allen Teilnehmern ein zweites Bild gemalt werden, in dem die Kinder ihren Vorstellungen darüber Ausdruck geben, wie die Welt wirklich aussieht. Zu meinem Erstaunen erblicke ich nun Stundenpläne, Kinder, die an Tischen sitzend ihre Hausaufgaben machen oder einfach Schulgebäude. Auf meiner Zeichnung macht einer auf der linken Seite gerade ein riesiges Feuer auf der Sonne, in der Mitte ist der Erdball auf dem oben ein Affe sitzt und unten ein anderer Affe herunterfallen würde, wenn er sich nicht an einem Baum festhalten würde, der Viertelmond auf der rechten Seite zeigt ein lächelndes Gesicht. Eines der Kinder meint: „Bei dir gibt‘s gerade eine Mondfinsternis!“ Meine Enttäuschung ist vollkommen.


2) Gespräch mit einem Anhänger des Autoritätsprinzips!

Beschreibung meiner Person: einen Meter fünfundachtzig groß, hundert Kilogramm, fast nur Muskeln und ziemlich belesen. Dies sind geeignete Bedingungen, um einem Anhänger des Autoritätsprinzips verständlich zu machen, dass seine Vorstellungen auch für ihn selbst nicht gerade vorteilhaft sind.
Ich: Du denkst also, dass das Autoritätsprinzip das beste System für ein Land ist.
Er: Natürlich! Es macht unser Land wieder groß. Denk doch an die Geschichtsbücher! Überall können wir über erfolgreiche Feldherrn, Fürsten und Könige lesen.
Ich: In Ordnung! Du möchtest einen Führer haben, der dir sagt, wann du auf die Toilette gehen darfst, wie im Kindergarten.
Er: Nein, nein! Ich möchte auf mein Land wieder stolz sein. Das ist alles!
Ich: Und was bekommst du persönlich dafür? Was bringt dir das?
Er: Demokratien funktionieren nicht, alle schreien durcheinander und am Ende kommt doch nichts dabei heraus. Der beste und klügste muss entscheiden und alle anderen gehen in die gleiche Richtung.
Ich: Und wer entscheidet, wer der beste und klügste ist?
Er: Natürlich der Fähigste! Und alle anderen müssen sich unterordnen.
Ich: In Ordnung! Aber noch einmal die Frage: Was bedeutet so etwas für dich und dein tägliches Leben?
Er: Ich trete die Ausländer, Juden, Zigeuner, Schwulen und alle, die nicht gehorchen wollen, in den Arsch! (Ein großes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.)
Ich: (Ich baue mich ein bisschen vor ihm auf und sehe, wie sein Lächeln sich langsam verzerrt.) Weil ich, im Gegensatz zu dir, weiß, was ein Autoritätsprinzip bedeutet, bin ich klüger als du, außerdem bin ich stärker als du. Deshalb trete ich dich jetzt in den Arsch! (Ich sah selten jemanden, der plötzlich ganz klein wurde.)
  
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Friday, 2 November 2018

248 Kleinere Schriften XIIL 1) Bellen aus Langeweile 2) Drei Arten von Problemen 3) Seltsame, undankbare, sogenannte Historiker 4) Der arme auf der Straße 5) Die autoritäre oder Macho Gesellschaft
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1) Bellen aus Langeweile
2) Drei Arten von Problemen
3) Seltsame, undankbare, sogenannte Historiker
4) Der arme auf der Straße
5) Die autoritäre oder Macho Gesellschaft


1) Bellen aus Langeweile

Ein schöner, sonniger Frühlingstag, zusätzlich noch Feiertag, ein bisschen raus aus der Wohnung, die zu so einem Zeitpunkt einfach zu eng wird, ganz egal, wie groß sie ist. Sich in die nahgelegenen Wälder zu begeben hat keinen Sinn, man könnte dort das Gefühl haben, sich in der Fußgängerzone der Innenstadt zu befinden. Der eine oder andere arbeitet in seinem Garten, Marmorlöwen aus Kalk oder Sandstein verhässlichen die Eingänge der Garagen. Manchmal schaut der eine oder andere Hund durch ein Loch im Zaun und zieht sich dann wieder auf seinen Ruheplatz zurück.
Ein Bekannter bat mich, auf so einen kleinen Ausflug, seinen Hund mitzunehmen. Die gleichen Straßen und kleinen Wege. Verfolgt vom Gebell der Hunde in allen Stimmlagen, vom kleinsten mit der tiefsten Stimme, bis zum größten der damit droht, den Zaun zu überspringen. Mein vierbeiniger Begleiter läuft ganz ruhig neben mir her, als ob er den ganzen Zirkus nicht vernehmen wollte, manchmal schnüffelt er an diesem oder jenem Pfahl oder Busch. Jetzt lässt sich auch das eine oder andere Gesicht an irgendeinem mit Vorhang verhängten Küchenfenster erblicken. Der Hund neben mir schaut mich an, als ob er sagen wollte: „Es tut mir schon sehr leid, aber ich kenne weder diese Straßen, noch diese Genossen. Vielleicht langweiligen sie sich?“ Ich streichle ihm über den haarigen Kopf. „Vielleicht hast du Recht. Wahrscheinlich sind sie auch nicht anders, wie ihre bellenden Genossen, eingeschlossen in ihren kitschigen Minireichen.“

2) Drei Arten von Problemen

Es gibt drei Arten von Problemen: die selbstgemachten, die unlösbaren und die lösbaren. Mit ersteren sollte man sich nicht beschäftigen, weil es sie eigentlich nicht gibt, und die Ursachen des letzteren sind meist mit ein bisschen nachdenken leicht zu erkennen.

3) Seltsame, undankbare, sogenannte Historiker

Doch gibt es noch immer seltsame, sogenannte Historiker, die uns weißmachen wollen, dass die Französische Revolution für Europa eine Katastrophe war. Ich spreche hier nicht nur über Anatole France, einen Romantiker des „Ancien Regime“. Hat einer von diesen jemals darüber nachgedacht, wie viele Todesopfer der Absolutismus forderte, oder eine Königin, die zu sagen wagte, dass die Leute doch Gebäck essen sollen, wenn sie kein Brot haben. Diese Halbgebildeten sollten sich doch endlich vor Augen führen, dass sie selbst nie sogenannte Historiker hätten werden können, wenn kein Umsturz stattgefunden hätte, weil sie ganz sicher nicht zu dieser Schicht von Begünstigten gehört hätten, denen es möglich war, eine Schule oder gar eine Universität zu besuchen. Genau sie haben ihren Aufstieg dieser neuen Gesellschaftsordnung zu verdanken und dass sie blutig war, hängt damit zusammen, dass eine Diktatur nicht eingesteht, Fehler gemacht zu haben und einfach zurücktritt. Wie viele Unschuldige mussten ihr Leben lassen, um diesen undankbaren Historikern zu ermöglichen, heute öffentlich und frei ihre Meinung sagen zu können.


4) Der arme auf der Straße

Vor der Kirche, auf dem Markt bettelt er für ein wenig Geld. Früher reichte das meist nur für ein Stück Brot, heute in der Wohlstandsgesellschaft kann er sich davon auch jeden Tag betrinken. Die „ehrbaren“ Bürger gehen stolz an ihm vorbei, manche werfen ein bisschen Geld in seinen Hut, den er ihnen entgegenstreckt, damit sie seine schmutzige Hand nicht einmal aus Versehen berühren, oder gar sehen müssen. Die Gesellschaft ist böse auf ihn, weil er sich nicht eingliedern will, weil er weniger Füße küssen will, als sie. Jeden Tag geben sie sich der Illusion hin, dass sie aus eigener Kraft etwas aufgebaut haben, diesen Status in der Hierarchie erreicht haben. Nur der arme Bettler zeigt ihnen jeden Tag, dass sie noch mehr betteln und Füße küssen müssen, als er.


5) Die autoritäre oder Macho Gesellschaft

Der Mann: Jeden Tag muss ich meinen Vorgesetzten die Füße küssen. Aus den Vorteilen, die ich mir dadurch geschaffen habe, trete ich die unteren, schaffte mir diesen Wagen an und setzte diese Frau hinein, für die ich der Herr bin. Wenn es einen Machtwechsel gibt, muss ich schnellstens meine alten Herren verraten und die Seiten wechseln.

Die Frau: Frauen aller Welt! Schaut her! Dieser Mann herrscht über mich, jeden Tag küsst er für mich die Füße der Mächtigen, stolz sehe ich auf alle Frauen unter mir herab. Er ist durch seine Vorgesetzten und ich bin durch ihn.
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Friday, 26 October 2018

247 Kleinere Schriften XIL 1) Freiheit 2) In diesem Land sind alle Dinge ein bisschen kleiner! 3) Die fehlerhafte Vorstellung von Aufrüstungspolitik als wirtschaftlicher Motor
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1) Freiheit
2) In diesem Land sind alle Dinge ein bisschen kleiner!
3) Die fehlerhafte Vorstellung von Aufrüstungspolitik als wirtschaftlicher Motor


1) Freiheit

Der Athener sah sich um und fand herum nur Barbarismus und Tyrannei. Er behandelte oft seine Kinder und Frau nicht besser, als seine Haustiere, aber er war mit fünfhundert anderen gleich. Einmal im Monat setzten diese sich zusammen und besprachen öffentliche Angelegenheiten. Dieser Traum des Menschen von Gleichgerechtigkeit sollte nicht allzu lange dauern, doch war er der Menschheit ein Beispiel.
Darnach wurde es für zweitausenddreihundert Jahre dunkel, zuerst die römischen Kaiser, dann rutschte alles noch weiter ab mit der Völkerwanderung, später das dunkle, christliche Mittelalter gefolgt von Königen, die leben wollten, wie Götter und starben, wie alle anderen. Mit dem Nationalismus hatte es seine schauderhafteste Tiefe erreicht. Millionen andersdenkende, andersaussehende fielen diesem Wahnsinn zum Opfer.
Erst nach neunzehnhundertachtundsechzig sollte die Worte Freiheit und Gleichberechtigung wieder einen Sinn bekommen. Frauen, Farbige, Andersdenkende, Andersorientierte spürten den Duft dieses Gefühls. Der neue Traum auf einer höheren Stufe dauerte nur vierzig Jahre.
Vielleicht muss der Mensch diesmal nur zweihundertdreißig Jahre warten, um sich wieder seiner gehoben Natur hingeben zu können.


2) In diesem Land sind alle Dinge ein bisschen kleiner!

Eine Fahrradtour um den größten See Osteuropas, den Plattensee, die Einheimischen nennen ihn das ungarische Meer. Die nördliche Seite wird von Felsen begrenzt, die Straßen und Wege am Ufer ziehen sich in Schlangenbewegungen dahin. Kleinere Ausflüge in das dahinterliegende Hügelland bieten dem Besucher manchen guten Ausblick auf die Umgebung. Wieder angekommen am südlichen Ufer, an dem Wochenendhäuser den Zugang zum Ufer fast schon ganz verbieten, wird der Besucher gebeten, doch einen Blick auf die nördliche Seite zu richten, um den einen oder anderen Hügel zu erkennen, den er dort besucht hatte. Versperrt ein Wochenendhaus gerade die Sicht, so stellt sich die Frage, wohin der Berg denn plötzlich verschwunden sei. „Hinter dem Haus!“ erklingt die aufklärende Stimme. Ja richtig, das Land in dem die Dinge klein sind und die Berge hinter dem Haus stehen.


3) Die fehlerhafte Vorstellung von Aufrüstungspolitik als wirtschaftlicher Motor

Immer wieder wird erwähnt, dass Aufrüstungspolitik die Wirtschaft eines Landes ankurbelt, sozusagen zum Wirtschaftswachstum führt. Der folgende Artikel soll dazu beitragen, diese Fehlinterpretation der Geschehnisse in einem anderen Licht zu betrachten.
Franklin D. Roosevelt (Präsident 1933 – 1945): Als er neunzehnhundertdreiunddreißig die Führung der Vereinigten Staaten von Amerika übernahm befand sich die Welt in einer Wirtschaftskrise. Auf Rat von John Maynard Keynes versuchte er nun durch Waffenaufrüstung, Bau von Straßen, Brücken und so weiter die amerikanische Wirtschaft wieder in Lauf zu bringen (New Deal Politik). Dies klingt eigentlich logisch. Die Infrastruktur des Landes wird verbessert, dabei bekommen viele Arbeit, zahlen Steuern, können einkaufen, womit Geld in Umlauf kommt. Diese Art innerer Ventilator hat nur einen Fehler, er verbraucht mehr Energie, als er Windenergie produziert. Wäre der zweite Weltkrieg nicht ausgebrochen, nachdem fast alle Industrieländer mit Ausnahme der U.S.A. unter riesiger Zerstörung ihrer Produktionsmittel litten, und dadurch die Vereinigten Staaten weltweit in eine Monopolsituation gerieten und somit die Weltwirtschaft kontrollieren konnten, hätte die hohe Verschuldung zu einem Staatsbankrot und somit zu einer Vertiefung der Krise geführt.
Ronald Reagan (Präsident 1981 – 1989): Es ist schwierig zu sagen, ob er wusste, dass die Sowjetunion wirtschaftlich am Ende ist, oder einfach auf der Weltkarte „Starwars“ spielte. Tatsache ist, dass seine Aufrüstungspolitik den Zusammenbruch des kommunistischen Blocks beschleunigte. Durch die Beendigung der Teilung der Welt in zwei Wirtschaftsteile ergaben sich plötzlich Möglichkeiten der Investition, neue Märkte und somit ein Wirtschaftswachstum. Wäre der Ostblock nicht zusammengebrochen, wären auch hier die Vereinigten Staaten in der Staatsverschuldung versunken.
Donald Trump (Präsident 2017 - ….): Vielleicht anhand dieser geschichtlichen Erfahrungen und der Hoffnung auch so ein historisches Glück zu haben, versucht der dies zeitige Präsident mit seiner neuesten Aufrüstungspolitik, Handelskrieg und Kriegsspiel auf der Landkarte, die alte Vormachtstellung der U.S.A. wieder aufzubauen.

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Tuesday, 16 October 2018

246 Kleinere Schriften XL 1) Asien, ferner Osten 2) Wanderschaft in der Ukraine
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1) Asien, ferner Osten
2) Wanderschaft in der Ukraine


1) Asien, ferner Osten

Ein Sprachlehrer unterrichtet einen in Europa oder Amerika lebenden Asiaten. Die Aufgabe ist nicht leicht, obwohl der Asiate eigentlich fließend Englisch spricht, aber er hat einfach keine Ahnung von Grammatik. Wie konnte er dann Englisch lernen? Die asiatischen Schulen arbeiten noch immer nach preußischen Grundsätzen. Von Pädagogik kann hier nicht die Rede sein. Um chinesische, japanische oder koreanische Schrift zu lernen, müssen ungefähr dreitausend Schriftzeichen auswendig gelernt werden. Soviel auswendig zu lernen ist grundsätzlich der größte Feind pädagogischer Methoden. Die meisten asiatischen Kinder bleiben einfach mittelmäßige Befehlsausführer, die wenigen, die herausragen haben ein Gehirn, wie ein Datenspeicher. So lernen sie auch Englisch. Sie lernen dreitausend Sätze mit fünftausend Wörtern auswendig, sprechen aus diesem Grund eigentlich ganz gut zum Beispiel Englisch, haben aber meistens keine Ahnung, warum sie was und wie sagen. Der europäische oder amerikanische Lehrer müsste bei so einem Schüler zuerst einmal diesen Unterwerfungsgeist brechen, der nächste Schritt bestände darin, den Begriff Schönheit der Sprache in den Unterricht einzubauen, um das nur auf Nützlichkeit ausgerichtete Denken mit Interesse am Geist einer Sprache und Kultur zu ersetzen.
Er kommt also ins Haus des Asiaten und wird mit ausgestreckter Hand begrüßt (so viel hat der Asiate schon übernommen). Die Verbeugung des Asiaten ist sehr tief, der Lehrer ist für ihn ein kleiner Gott. Ein Intellektueller mit einem bisschen alternativen oder lockeren Aussehen hat von vornherein fast keine Chance. Die Frau des Schülers steht verbeugt hinter ihrem Mann die Hände vor sich in ihrem Kimono versteckt, die Augen auf den Boden gerichtet. Der Lehrer wird in die gute Stube geführt in dem es einen Tisch und zwei Stühle gibt. Während Schüler und Lehrer einander gegenüber sitzen, zwischen sich den Tisch, hockt die Frau des Asiaten in der Ecke und macht für ihren Mann Aufzeichnungen, spricht aber nie ein Wort. Der Asiate stellt fast nie eine Frage, der Lehrer muss also herausfinden, was der Schüler vielleicht nicht weiß oder noch nicht verstanden hat. Jede Korrektur empfindet der Asiate fast wie eine Erniedrigung. Er lernt sehr fleißig, aber eigentlich alles nur auswendig von den Aufzeichnungen, die seine Frau in der Ecke für ihn gemacht hat. Ein solcher Schüler ist für einen preußisch denkenden Lehrer ein siebter Himmel, für einen modernen in Pädagogik ausgebildeten auf Kreativität aufbauenden aber eine Katastrophe.


2) Wanderschaft in der Ukraine

Es war Freitag vier Uhr nachmittags und seine Vorräte waren fast zu Ende. Er wusste, dass er am Wochenende nirgends einkaufen konnte, also unbedingt ein Dorf und dort ein Geschäft finden musste, und zwar ein privates, kein staatliches. In staatlichen Geschäften gab es außer ungenießbarem Schwarzbrot und ein paar Einmachgläsern mit Kompott oder Fleisch meist nichts. Endlich stiegen ein paar Dächer von Lehmhäusern hinter einem Hügel auf, er beschleunigte seine Schritte. Ein kleines Häuschen mit der Aufschrift „магазин“ = Geschäft, sah ihm entgegen. Als er näher kam, hörte er von drinnen durch die offene Tür lautes Gelächter und Geschrei. Drei Frauen, zwei hinter dem Pult und eine davor, auf dem Pult Speck, Brot, Tomaten, Zwiebeln und so weiter, und ein paar Flaschen Wodka und Mineralwasser. Die meisten Wodkaflaschen waren schon leer. Er stand am Eingang und fragte höflich, ob er noch etwas einkaufen könnte. In dem lauten Gelächter gingen die verständlichen Worte unter. Dieses Geschäft war seine einzige Möglichkeit, noch etwas zu bekommen, deshalb trat er auf die Schwelle.
Als er da so stand, nahm die Frau, vor dem Pult stand, eine noch halb volle Wodkaflasche, füllte ein großes Limonadenglas und drückte es dem Fremden in die Hand. Den ganzen Tag hatte er nichts gegessen und sollte jetzt Wodka trinken. Als das Glas so anschaute, wurde das Gelächter der alten Frauen immer lauter. Dann lehrte er das ganze Glas, nahm keine Luft, sondern aß sofort ein Stück Tomate (auf diese Weise brennt der Wodka im Hals nicht). Die alten Frauen machten große Augen, das hätten sie von einem so dahergelaufenen Fremden doch nicht erwartet. Nach kurzer Stille des Erstaunens, brachen die alten Frauen wieder in riesigem Gelächter aus, hielten sich die Bäuche, brachen vor Lachen fast zusammen, und eine klopfte dem Fremden fest auf die Schulter, mit den Worten: „Wie mein Sohn!“ Dann nahm eine hinter dem Pult einen Plastiksack, packte Brot, Käse, Milch, Wurst, Tomaten, Speck und so weiter in den Sack, bis er voll war und überreichte ihn dem Fremden mit einem großen Lächeln im Gesicht. Noch lange hörte er das Gelächter aus dem kleinen Häuschen, als er sich wieder auf den Weg machte. Nach zehn Minuten begann der Wodka, langsam zu wirken. Er ging noch eine paar hundert Meter, dann fiel er unter einen Baum und schlief ein. Als er wieder aufwachte, war es dunkle Nacht und neben ihm sein Rucksack und der gefüllte Sack mit Lebensmitteln.

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245 Kleinere Schriften IXL Nordafrika
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Nordafrika:

Hoch in den Bergen lebte er mit seiner Frau. Im Umkreis von fünfhundert Metern, gab es noch ein paar Häuser. Wenn er nicht verstand, was ihm der Deutsche sagte, ließ er es sich aufschreiben, ging ins Haus und zeigte es seiner Frau, die es ihm übersetzte. Ihr Vater war Gastarbeiter in Deutschland, sie war dort geboren und in die Schule gegangen. Mit dreizehn brachte sie der Vater nach Nordafrika zurück, um sie dort mit einem Einheimischen zu verheiraten.

Es ist ungefähr neun Uhr morgens. Vor dem Haus sitzen Männer und rauchen ihre Sipsi mit Kif-Kif, während eine Gruppe Frauen mit Kindern sich in die Berge begeben. Am Nachmittag um drei Uhr kommen sie mit einem großen Pack Holz auf dem Rücken zurück, während die Männer noch immer dort sitzen und darauf warten, dass sie endlich etwas Warmes zum Essen bekommen. Der Deutsche langweilt sich und fragt seinen Gastgeber, ob er nicht einen Ball hätte. Der Einheimische schaut ihn ein bisschen seltsam an und fragt, wozu er so etwas brauche. „Wir könnten ein bisschen Fußball spielen, anstatt unnütz hier rumzusitzen.“ „Fußball ist etwas für Kinder, oder für Leute, die nichts zu tun haben.“ war die Antwort des verärgerten Gastgebers.

In der Nähe des Zentrums der Stadt gibt es eine kleine Grünanlage von zweihundert Meter Durchmesser, um diese läuft ein mehrspuriger Einbahnverkehr. Der Deutsche sucht einen Taxistand und fragt einen Einheimischen. „Stop the taxi from the road!“ Die Taxis fahren dort immer im Kreis herum, um den Leuten zu zeigen, dass sie funktionieren. Ein Taxi, das nicht fährt, funktioniert nicht.

Du kennst viele Sprachen und verstehst viele Leute. Aber dein Hund ist klüger, als du. Er verständigt sich mit allen Hunden in der Welt. Das klingt fast, wie eine alte, arabisch Weisheit.

Geschafft! Endlich in einem Taxi, obwohl der doppelte Fahrpreis bezahlt werden musste, weil der Fahrer sonst nicht bereit gewesen wäre, auch den Hund mitzunehmen. Im Taxi hängen verschiedene Schilder aus. Eines liest sich so: „Défense de cracher!“ Während der Fahrer immer wieder einmal anhält um für die hinteren Plätze neue Fahrgäste aufzunehmen. Im Allgemeinen hat ein Taxi sechs Beifahrerplätze: zwei vorne auf dem Beifahrersitz und vier hinten auf den Rücksitzen. Für den Kofferraum findet sich keiner.

Es ist Winter und alles mit Schnee bedeckt. Der kleine, barfüßige Nordafrikaner führt den Europäer durch die Berge um das kleine Dorf herum und erfreut sich seiner Lehreraufgabe, er will dem Fremden die Sprache der Einheimischen beibringen. Er selbst geht fast nie in die Schule, weil er seinem Vater bei der Feldarbeit helfen muss. Deshalb sind seine Fremdsprachenkenntnisse fast nicht vorhanden. Auf dem kleinen Ausflug zeigt er auf Spuren im Schnee, Hasenpfoten und benennt es mit der einheimischen Bezeichnung. Der Europäer will ein guter Schüler sein und wiederholt gehorsam das fremdklingende Wort. Beim nächsten Schneefeld stellt der Europäer seinen Fuß in den Schnee und zeigt darauf. Der junge Nordafrikaner schaut ein bisschen verärgert, weil dies nicht seinen Vorstellungen entspricht, aber lässt sich überreden und gibt auch dieser Spur seinen Namen. Darauf folgt die Hand. Am Ende setzt sich der Europäer kurz in den Schnee, steht wieder auf und zeigt darauf. Dies ist für den Jungen zu viel. Nach dem Ausflug trifft der Europäer diesen Nordafrikaner nie wieder.

Es ist Sommer, ein schöner Tag, der Europäer kommt aus dem Haus, um einen Ausflug zu machen. Der Gastgeber zeigt mit dem ausgestreckten Arm auf eine Bergspitze, mit den Worten, dies sei der höchste im ganzen Land, aber er selbst sei noch nie dort oben gewesen. Der Fremde macht sich auf den Weg. Nach fünf Stunden hat er die Spitze erreicht. Vor seinen Augen öffnet sich ein wunderbarer Ausblick. Aber mit Enttäuschung muss er feststellen, dass es weiter südlich schneebedeckte Bergspitzen gibt. Er nimmt ein paar Brocken von weiter unten und bringt sie nach oben. Wenn dies jeder so macht wird aus diesem Hügel vielleicht doch noch ein richtiger Berg.

Müll begleitet die Landstraße, Plastik verwest nicht, wie die früher benutzten, natürlichen Stoffe, wie Holz und Tierfelle. Nach einer Zeit vermehrt sich die Müllmenge, bildet langsam die Form eines umgedrehten Trichters in den man hineinfährt. Der Trichter wird immer breiter und dann kommt die kleine Stadt in Sicht.

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Saturday, 13 October 2018

244 Kleinere Schriften XXXVIII Ausgestiegen
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Ausgestiegen

Sie standen draußen vor der Kneipe, darauf wartend, wieder hineingelassen zu werden. Die Besucher waren fast ausschließlich Ausländer, Deutsche. Was brachte diese jungen Leute zwischen achtzehn und fünfundzwanzig dazu in einem ärmeren Land, als ihrem Heimatland, zu betteln, Bilder auf die Straße zu malen, Blutplasma zu spenden und den Tag mit Trinken, Rauchen und Herumliegen zu verbringen? Vielleicht die südliche Wärme und die Möglichkeit, aus einer Gesellschaft auszusteigen, mit der sie sich nicht identifizieren konnten oder wollten. Sie sahen zu, wie der einheimische, spanische Wirt zuerst die alten Holzspäne vom Boden aufkehrte, schnell aufwischte, die Fenster aufmachte, damit es schneller trocknete und dann wieder neue Holzspäne auf den kahlen, kalten Fliesenboden streute. Das ganze erinnerte nur deshalb an eine Kneipe, weil es mehr Fenster als in einer Wohnung, eine Schenke mit ein paar Zapfhähnen, einer Kaffeemaschine und ein paar Stühlen mit Tischen gab. Die Tische waren wichtig, nicht um ihre Getränke darauf zu stellen, sondern um die kleinen Taschen, in denen diese Aussteiger oder vielleicht auch Abgerutschte ihre wenige Habe verstauten, vor dem Schmutz auf dem Boden zu schonen. Sie auf den Boden zu stellen, wäre nicht ratsam gewesen, hatten doch auch selbst sie sich sehr schnell die örtliche Gewohnheit angeeignet, auf den Boden zu spucken, oder Müll aller Art ganz einfach neben sich fallen zu lassen. Während sich jeder ohne weiteres auf der Straße auf den Boden setzte um zu betteln oder Bilder zu malen, scheute sich da in der Kneipe jeder davor. Mit Sandalen war es besonders unratsam, sich in die Kneipe zu wagen. Es war ein Treffpunkt für sie, die da die gleiche Sprache beherrschten, wenn sie um die Fiesta-Zeit oder am frühen Abend ihr kleines, angeschafftes Geld in Alkohol und Rauchbares umsetzten, bevor sie sich dann in der Dunkelheit einen Schlafplatz in irgendeinem verfallenen Haus, auf der alten Burg, in einem Park oder am Strand suchten. Für langhaarige Hippies waren sie ein bisschen zu jung, wir schreiben die achtziger Jahre in Málaga. Franco war fast zehn Jahre gestorben und mit der darauffolgenden Grenzöffnung fanden sich nicht nur reiche Touristen, Investoren, Rentner, die ein billiges Haus für ihren Lebensabend erstanden, und Abenteurer ein, sondern auch Aussteiger. Sie alle fühlten, dass sich im alten, steifen Europa der Nachkriegszeit etwas ändern müsste. Der Landweg nach Marokko, in das Drogenhändler und Hippies den Cannabis gebracht hatten, war nur noch von einer dreizehn Kilometer breiten Meerenge versperrt. Die spanischen Behörden waren überfordert, und wollten sich eigentlich mit diesem zum größten Teil illegalen Einwanderervolk, von denen die meisten auch über keine Ausweisdokumente verfügten, nicht beschäftigen. An jeder Ecke verkaufte irgendein armer Spanier oder Zigeuner das Zeug. Ein neues Holland, aber im warmen Süden war entstanden. Und wenn sich die Polizei oder irgendein Ladenbesitzer doch einmal zu sehr von einem dieser Leute gestört fühlte, wurde diese Person in ein Polizeiauto gesetzt, gefragt, wohin sie gehen möchte, mit dem Auto zehn Kilometer außerhalb der Stadt in Richtung der gewünschten Stadt abgesetzt und verabschiedet. Málaga war nur ein Beispiel für eine deutsche Kolonie, in anderen Städten Andalusiens gab es französische, englische, dänische oder andere Treffpunkte. Vorher war es die Türkei gewesen, die diese Leute ungewollt aufnahm, aber nachdem sich die politische Lage aufgrund des türkisch-kurdischen Konfliktes verschärft hatte, übernahmen die südlichen Länder des mittleren und westlichen Mittelmeers diese Stellung, Griechenland, Italien, Spanien und Portugal. Wie die Wandervögel zogen sie vom steifen, ‘ordentlichen‘ Norden in den noch unkontrollierten Süden.

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Monday, 8 October 2018

243 Kleinere Schriften XXXVII Die faule Jugend
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Die faule Jugend

“Diese Jugend von heute ist einfach verweichlicht. Die wollen nicht mehr richtig arbeiten.“ hörte ich die alten Nachbarinnen durch die Wohnungstür im Treppenhaus des alten, noch aus richtigen Ziegelsteinen gebauten Mietshauses, das ich mit zehn anderen Parteien bewohnte. Ich kümmerte mich nicht sehr darum, da ich mich sowieso nicht unbedingt als Mitglied der Gesellschaft betrachtete, und wie die eine die andere Schicht schalt (schelten / schilt, schalt, h. gescholten), berührte mich nicht im Geringsten. Es war eine Kleinstadt und ich hatte meinen Zwei-Zimmer-Unterschlupf in einem Außenbezirk mit vielen Gartenhäusern. Im Winter musste natürlich der Gehsteig schneefrei gehalten und im Sommer manchmal gefegt werden. Dies geschah durch Arbeitsteilung. Jeder im Haus bekam eine Woche zugeteilt, was einen Rhythmus von zehn Wochen ergab. Hatte man Glück, so war man gerade dann an der Reihe, wenn es eigentlich nichts zu tun gab.
Bei einer dieser Gelegenheiten kam eine ältere, wohlbeleibte Frau gerade vom Einkaufen und als sie mich sah, lobte sie mich, wie fleißig ich doch sei, wartete einen Atemzug und bat mich dann, ihr doch beim Tragen der schweren Taschen zu helfen. Ich bin keine Jesus-Figur, aber wenn man mich höflich bittet, kann ich so etwas meist nicht zurückweisen. Ich half ihr also, die Taschen zu tragen, es waren ja nur ungefähr dreihundert Meter ein bisschen den Berg hinauf. Auf diesem kurzen Weg erzählte sie mir einen Teil ihres Lebens, wie schwer die Kriegs- und Nachkriegszeit gewesen sei, dass ihr Mann sie schon einige Zeit verlassen habe, um in einer glücklicheren Welt, da oben neben Gott, seinen würdigen Platz einzunehmen. Hierzu führte sie die Handkreuzbewegung auf ihrer Brust aus. Beim Gartentor angekommen schloss sie es auf und ich trug die Taschen bis zur Haustür. Dabei ging es durch einen ziemlich großen Garten, der ein wenig verwahrlost aussah. Ihr Sohn wohne in der Stadt und helfe ihr überhaupt nicht. „Naja,“ dachte ich bei mir, „ich hätte auch bessere Dinge zu tun.“ Natürlich sagt man so etwas nicht laut, sondern lässt nur seine Gedanken schweifen. Beim Abschied drückte sie mir noch einen Apfel aus ihrem Garten in die Hand und nannte mich ihren Sohn.
Es verging keine Woche, als sie sich vor dem Haus, in dem ich wohnte, mit einer anderen Nachbarin unterhielt. Im Vorbeigehen grüßte ich sie und wollte meinen Weg fortsetzen, um ins Schwimmbad zu gehen. Sie hielt mich auf und bat mich ihr doch am nächsten Tag zu helfen, den kleinen Komposthaufen ein bisschen umzuschichten, da sie in ihrem Alter zu so schwerer Arbeit nicht mehr fähig sei. Ein bisschen die Stirn runzelnd willigte ich ein und begab mich am nächsten Morgen zur besprochenen Zeit zu ihrem Haus. Nach kurzem kam sie mit einem strahlenden Gesicht heraus, führte mich in den anderen Teil des Gartens hinter ihrem Haus. Nun zeigte sich erst richtig der ganze Umfang des Eigentums, das einen ganzen Mann in Vollzeitbeschäftigung benötigt hätte, um dort Ordnung zu schaffen und dann auch weiterhin aufrechtzuerhalten. Sie stand neben mir und erzählte mir Geschichten und ein paar ihrer eigenen Gedanken, vielleicht, um mich zu unterhalten. Zum Beispiel, dass sie nicht verstehe, warum diese jungen Leute Sport treiben, wo doch Gartenarbeit wesentlich gesünder wäre und vor allem auch noch nützlich. Während ich schwitzte, fragte sie mich, ob ich ein Bügeleisen habe. Aber da ich eigentlich nur T-Shirts, Pullover und Jeans trug, wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, so etwas zu kaufen. Nach Beendigung der Arbeit gab sie mir ein altes, elektrisches Bügeleisen und wollte mich überreden am nächsten Tag wieder zu kommen, um einige andere Tätigkeiten im Garten zu erledigen. Ich drückte ihr das unnütze Geschenk, oder vielleicht Bezahlung wieder in die Hand und war mit schnellen Schritten aus dem Garten verschwunden. Seit dieser Zeit erzählte sie in der ganzen Nachbarschaft, dass mir die Arbeit nicht schmecke. Und seit jener Zeit umging ich sie in weitestem Bogen.

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