Thursday, 27 October 2016

189) Der alte Affe erzählt 5
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Der alte Affe erzählt 5
Andere Täler, andere Sprachen und natürlich andere Verhaltensweisen. Ein paar Beispiele sollen dies demonstrieren. Einer rief mir etwas zu und bewegte dabei die Hand seines ausgestreckten Armes nach unten. Ich hätte mir nicht träumen lassen, was er von mir wollte, also ging ich auf ihn zu. Erst später sollte sich herausstellen, dass die Handbewegung die Aufforderung zum Heranrufen eines anderen diente. In anderen Tälern bewegte man dazu entweder den ganzen Arm oder nur die Hand ein bisschen kreisförmig nach oben und zu sich hin. In einigen Gegenden hielten sich an den Händen, in anderen auch Familienmitglieder oder gar Freunde. In dritten wiederum lief das weiblich Tier immer hinter dem männlichen. Die Kultur oder Gegend oder Grad der Beziehung bestimmte dann die Entfernung. „Haha!“ – lachte die Enkelin. „Wenn die männlichen etwas wollen, laufen sie uns hinterher“, - und dann in einem traurigeren Ton, - „später aber müssen wir ihnen folgen.“ – Jetzt erhellte sich ihr Gesicht wieder – „Gibt es nicht einen Ort, an dem sie immer nebeneinander laufen?“
Bei den Bergaffen, da …………. „Aber warte einmal!“ – brach es aus der Enkelin heraus, „den schönsten Teil nach dem Regen hast du noch nicht erzählt!“ Einen Augenblick stutzte er. Wieder etwas, was er nicht erklären wollte oder konnte. Die wenigsten Geschehnisse gehen in einer Katastrophe oder im ewigen Glück zu Ende. Die meisten Sachen verlaufen im Sand, werden einfach langsam vergessen, als ob sie nie passiert wären. Es wird nur dann etwas wirklich Großes daraus, wenn sich irgendjemand besonders daran erinnert, es ihn tiefer berührt oder getroffen hat. Vor allem, wenn Leute oder Orte ihn umgeben, die mit den Geschehnissen in Verbindung stehen. Beim alten Affen war das anders. Es berührten ihn nur Dinge, die er im Kopf behalten wollte. Alles andere ging verloren oder geriet in Vergessenheit, weil er sich immer allein von einem Ort zum anderen begab. Sehr oft wechselte er dabei noch seine Persönlichkeit. Am gleichen Ort mit den gleichen Personen zu verweilen, bedeutet eine Beständigkeit, aber auch in eine gewisse Rolle hineingezwängt zu werden. Obwohl man sich verändert, aber Bewegung in der Umgebung meist langsamer vor sich geht. Der alte Affe hatte sich damals ausprobieren oder vielleicht finden wollen. Manchmal spielte er die Rolle des Anhänglichen, des Gefühlvollen, des Unabhängigen und so weiter. Die Umgebung bot ihm verschiedene Möglichkeiten und er wählte sich aus, was er gerade wollte.
Die Enkelin sah ihn an und merkte, dass seine Gedanken irgendwo weit entfernt weilten. Aber sie wagte nicht, ihn zu stören, wartete geduldig, bis er zurückkommen würde. Währenddessen spielten sich auch in ihrem Kopf verschiedene Szenen ab. Da war zum Beispiel das eine Nachbarpärchen. Das männliche Tier war ein Fremdling, aber solange die Umgebung das Gefühl hatte, dass sie glücklich sind, wurde er toleriert. Oder ein hübsches Weibchen, das sich nicht einem steinreichen, sondern einem bananenreichen Affen hingegeben hatte. Es gab viel Geschwätz und Neid. Doch können wir es jemandem verübeln, wenn er oder sie Sicherheit sucht? Was tun wir nicht alles für ein wenig Sicherheitsgefühl?
Der alte Affe dachte darüber nach, wie sehr man einander nicht versteht, obwohl jeder die gleichen Wörter benutzt. Solange nur Körpersprache funktioniert sind beide Seiten wesentlich aufmerksamer, drücken sich eindeutiger aus, weil sie ja nicht missverstanden werden wollen. Mit der Sprache kommen dann die Kleinigkeiten, das Spiel beginnt.
Die letzten Bäume und Sträucher waren verschwunden, nur hier und da ein wenig Moos, natürlich keine Affenseele weit und breit, der ideale Ort für einen Einsiedler. Nach dem Gipfel hätte ich eigentlich wieder ein Tal erwartet, aber was ich sah, waren noch höhere Gipfel. Es wurde immer kälter, die Luft klarer, am Ende schneebedeckte Wolkenkratzer. Klettern auf einem Baum ist nicht unbedingt das gleiche, wie auf einem Berghang, die Beine werden stärker in Anspruch genommen. Langsam begann auch der Hunger und Durst, mich zu plagen. Irgendwo hörte ich Steine, die aufeinanderschlugen. Die Klänge waren zu regelmäßig, um natürlich zu sein. Und um den nächsten Berghang herum, dort flackerte etwas.
Ein Feuer! Aber kein Affe in der Nähe! Hm! Jetzt kam einer. Da war eine Höhle. Nach kurzer Überlegung ging ich zu ihm hinunter. Als er mich erblickte, hob er ganz kurz sein Haupt und arbeitete dann weiter. Er schmiedete gerade ein Messer. Ich setzte mich neben das Feuer, um mich ein wenig aufzuwärmen und wartete. „Woher kommst du?“ – fragte er. Ich war erfreut, weil mir diese Sprache bekannt war und antwortete. Er nahm mich ein bisschen genauer unter die Lupe, wahrscheinlich wegen meiner Aussprache. „Du bist viel gewandert.“ – „Ich habe einige Täler besucht und dort eine gewisse Zeit verbracht.“ – „Warum hast du deine Heimat verlassen?“ – „Keine Ahnung, aber……..“ – „Hast du etwas ausgefressen?“ – „Nein, ich hatte keine Lust, das Geschwätz des alten Unterrichters anzuhören.“ – „Und da dachtest du, dass du das Leben selbst ausprobieren musst!“ – „Vielleicht ist das so.“
Als die Sonne hinter den Bergkuppen verschwinden wollte, fanden sich noch andere im Lager ein. „Hat der ‘was angestellt?“ – sagte einer. „Frag ihn doch selbst?“ – erwiderte ein anderer. „Hey, du! Was hat dich denn hierhergetrieben?“ Ich überlegte, ob man/Affe etwas verbrechen muss, um aus den Fesseln der Gesellschaft auszubrechen. Ein Affe, wahrscheinlich der Anführer, setzte sich mir gegenüber und forderte mich auf, meine Geschichte zu erzählen. Es wurde ruhig, alle waren neugierig. Als ich geendet hatte, sah ich die Enttäuschung auf den Gesichtern. „Das ist doch eine Jungfrau.“ – brach es aus einem heraus. Viele lachten. „Du wanderst also nur so herum.“ – Der Anführer prüfte mich mit seinen Augen. „Ein seltsamer Vogel! Weißt du, wer wir sind?“ Ich ahnte es, wusste aber nichts Genaueres, schüttelte als den Kopf. „Wir sind Ausgestoßene! Die Gesellschaft denkt, dass wir für die Ordnung gefährlich sind. Sie wollen uns nicht haben, deshalb haben wir hier in den Bergen unsere eigene Gemeinschaft aufgebaut.“
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Tuesday, 18 October 2016

188) Der alte Affe erzählt 4
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Der alte Affe erzählt 4
Diese Art von Sticheleien fand aber nicht nur in der Familie des Stiefvaters statt. In der der Mutter hatte es fünf Töchter gegeben, die ständig wegen der geringsten Kleinigkeit miteinander stritten. Ein Beispiel soll auch diese schöne Gesellschaft illustrieren. Der alte Affe war zu dieser Zeit vielleicht gerade ins Unterrichtsalter gekommen. Er fragte eine seiner Tanten, warum sie ihr Leben dem Bananengott gewidmet hatte. Sie erklärte ihm, dass der Tod ihres Vaters sie so tief getroffen und dies ihr Leben völlig verändert hatte. Auf dem Weg nach Hause wollte er dies mit seiner Mutter besprechen, worauf sie ihm nur die herabwürdigende Bemerkung zuschickte: „Ach was! Die hat ein großer Affe verlassen. Glaub der kein Wort!“
Dieser Gedankengang spielte sich in ein paar Sekunden ab, wie er ihm schon tausend Mal durch den Kopf gegangen war. Deshalb merkte die Enkelin auch nicht, dass sie hier einen wunden Punkt getroffen hatte. War es wirklich so schmerzlich? Wahrscheinlich nicht. Er hatte gelernt, damit zu leben, aber hätte es nicht erklären können. Man/Affe muss nicht immer alles deutlich definieren können, um weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Er fuhr fort mit dem nächsten Tal.
Also, Ich verabschiedete mich von meinen überraschten, oder besser enttäuschten Kumpaninnen und Kumpanen und begab mich in gerader Linie in Richtung entgegengesetzte Bergkette. Ausgestattet mit aller seelischen Unterstützung, die eigentlich aus einer Art Schadenfreude bestand, weil sich an der Nase dieser Neider, die ihr Tal noch nie verlassen hatten, genau gezeigt hatte, dass der eine oder andere doch gern mitgekommen wäre. „Du fliehst bloß vor etwas!“ – klang es noch immer in meinen Ohren. Sie hatten diese Sprüche wahrscheinlich nur von ihren Eltern gehört, die Angst hatten, dass ihre lieben Kinder vielleicht Flügel bekommen. Selbst hätte ihnen so etwas nicht einfallen können, da sie ja vom Leben noch keine Ahnung hatten.
Was würde mich wohl diesmal erwarten? Natürlich eine riesige, große Wiese. So sah es wenigsten von oben aus. Man hätte darauf spazieren gehen können. Ich wusste aber aus Erfahrung ………… Hm! Erfahrung? Ja, es war außer meinem Heimattal schon das dritte. Und ich wusste aus Erfahrung, dass dieser grüne Teppich ein Regenwald ohne Ende bedeutete. Freudig stieg ich auf den ersten größeren Baum, der sich mir anbot, schwang mich dann von einem zum anderen, schlug ein paar Saltos und erfreute mich des Lebens. Zu übermütig erwiesen sich meine Übungen, weil der eine Ast plötzlich brach. Aber von vier oder fünf Metern herunterzufallen, bedeutet für uns Affen keine große Gefahr. Wie eine Katze landen wir immer auf den Füßen. Der Aufprall auf dem Grund erwies sich als überraschend weich. Das war keine feste Erde, sondern Sumpf. Durch die Wucht war ich bis zur Hüfte eingesunken. Schnell suchte ich einen festen Halt. Es gab nur Büsche und Sträucher. Sie verhinderten zunächst mein weiteres Einsinken. Langsam und vorsichtig zog ich mich zu einem Baum. Doch, wie sah ich jetzt aus! Wie ein Wildschwein, das sich im Dreck gewälzt hatte. So konnte ich keinem schönen Affenmädchen unter die Augen treten. Ein schöner Affe muss nicht unbedingt nach Banane oder Kokosnuss riechen, aber darf auch nicht gerade von Kopf bis Fuß mit Dreck bedeckt sein. Also weiter von Baum zu Baum, bis zu einem Bach, Fluss oder See. Doch hier war alles Sumpf.
Lange dauerte es, bis ich ein einigermaßen reines Wasser fand. Ich sprang hinein und fühlte sofort, wie sich der schon festgetrocknete Dreck und Schlamm aus meinem Fellkleid löste. Was für eine Erfrischung! Doch sollte ich mich nicht lange dieser Wohltat erfreuen. Neben mir schlug es wie ein Blitz ein. Eine lange Lanze hatte ein Krokodil getroffen, das mich eben hatte anknabbern wollen. Aber bevor ich mich vergewissern wollte, wer mir da gerade mein Leben geschenkt hatte, war ich mit einem Satz aus dem und auf einem Baum.
Dann sah ich mich um. Das saß ein hübsches Affenmädchen auf einem Ast schräg über mir und kugelte sich fast vor Lachen. Ich sich beruhigenden Wasserspiegel besah ich mich von Kopf bis Fuß, um herauszufinden, was wohl so witzig an mir sei. Es musste mein Zustand sein und vielleicht der Schrecken in meinem Gesicht. Weiblichen Tieren gefallen nicht immer diese Superaffen. Neben so einem Fehlerlosen fühlen sie sich oft überflüssig. Tja, wer benötigt nicht manchmal das Gefühl, gebraucht zu werden? Oder sie hatte mir einen Dienst erwiesen, ich stand in ihrer Schuld und war ihr verpflichtet. Und es gibt Augenblicke, in denen beide Parteien diese Situation als Gelegenheit am Schopfe packen, um sich näherzukommen. Ich stieg also langsam zu ihr hinauf und setzte mich ihr gegenüber. Aber in die Augen wollte sie mir nicht sehen.
Ich sagte ihr etwas, sie antwortete, aber wir verstanden uns nicht. Schon wieder eine andere Sprache. „Sprichst du Deutsch?“ – keine Antwort, „Do you speak Englisch?“ – nur ein Augenzwinkern, „Est-ce que tu parles français?“ – auch darauf keine Antwort. „Na, Spanisch oder Russisch muss ich erst noch lernen!“ Eine neue Lehrerin hatte ich jetzt noch dazu. Gemäßigten Schrittes begaben wir uns auf den Weg zu ihrem Dorf. Sie war gerade auf der Jagd gewesen, deshalb war die Entfernung ziemlich groß.
Wie bekannt mögen Affen den Regen nicht unbedingt. Doch gibt es auch hier Gelegenheiten, bei denen das Nass von oben seinen Charme haben kann. Als es nun anfing, zu regnen, nahm ich ein sehr großes Blatt eines Baumes und hielt es über mich, wie einen Regenschirm, und bot ihr einen Platz darunter neben mir an. Zuerst ziert sie sich ein bisschen, aber schmiegte sich dann doch ganz eng an mich. „Es lebe der Regen.“ Er war gerade zum richtigen Augenblick gekommen.
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Thursday, 6 October 2016

187) Der alte Affe erzählt 3
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Der alte Affe erzählt 3
Mein Engel kümmerte sich nicht nur um meine Pflege, sie nahm sich auch meiner Schulung an. Ich musste doch die Sprache lernen, wollte man mich in die Gesellschaft meiner neuen Umgebung eingliedern. Sie hatte zwar von Struktur und Aufbau der Verständigung keine Ahnung, aber mit viel Zuneigung ging sie ans Werk, jeden Tag ein paar neue Wörter, Redewendungen oder ganze Sätze. Für mich war es nicht die erste Sprache und so begann ich, die verschiedenen Sprachstrukturen miteinander zu vergleichen. Schnell ging es voran, bis ich mein Krankenlager verlassen konnte, war ich verständigungsfähig. Wahrscheinlich hatte auch sie an der ganzen Sache Gefallen gefunden, so trafen wir uns auch weiterhin jeden Tag zum gemeinsamen Lernen. Dabei zeigte sie mir langsam die ganze Stadt. Da die Oberfläche von Raubkatzen beherrscht wurde, hatte dieses Affenvolk im Untergrund eine Heimat geschaffen. Sie ernährten sich hauptsächlich von Wurzeln und Pilzen. Zum Schutz gegen Fleischfresser legte man tiefe Fallen an, wie die eine, in die ich gefallen war und die mir das Leben gerettet hatte.
Viele Affenmännchen schauten uns neidisch nach, wenn wir durch die unterirdischen Alleen spazierten. Sie hätte jeden von ihnen bekommen können. Was zog sie bei mir an? Mein Freigeist? Wenn wir uns schon für etwas entscheiden, ohne zu extravagant zu sein, soll es doch etwas Besonderes sein, interessant, ein bisschen spannend, aufregend, jeden Tag ein bisschen neu. Es gibt nichts Schlimmeres als Langeweile. Sie erzählte von ihrer Familie: Ihr Vater war Funktionär, nicht zu hochrangig, aber mit wichtigen Aufgaben. Ihre Mutter war die Oberkrankenschwester in der Krankenabteilung. Ich unterrichtete sie über meine bisherigen Abenteuer. Sie träumte davon, zu riesen und andere Kulturen kennenzulernen. Ich konnte ja schon damals so wunderschön erzählen, und ihr den Kopf verdrehen. Jeder meiner Geschichten klang, wie ein Märchen. Auch ihre Eltern sahen mich nicht gern, weil ich ihrer Tochter nur „dumme“ Ideen in den Kopf setzte. Sie hätte es gerne gesehen, wenn ich das Land so schnell wie möglich wieder verlasse. Die einen machte ich also neidisch, die anderen sahen in mir eine Gefahr für ihr gewohntes Leben.
Nicht alles endet so schön, wie es angefangen hat. Vielleicht wurde es mir oder ihr auch einfach langweilig. Vor allem hatte ich auch die Nase voll davon, dass es die Affen immer verdächtig fanden, wo ich gerade war, was ich gerade machte und so weiter. Eines Morgens wollte sich dann auch meine Schöne nicht unbedingt mit mir treffen und so beschloss ich, einen kleineren Ausflug in die Berge zu machen. Ich ging und ging, immer geradeaus, bevor ich mich versah, war die kleine Bergkette überwunden.
Diese neue Gegend kam mir so bekannt vor. Tatsächlich, es war mein Heimattal. Zuerst dachte ich natürlich daran, meine alten Gesellen aufzusuchen. Sie riefen auch sogleich alle Bekannten zusammen, so saßen wir an unserem alten Seeufer. Das Interesse das sie zeigten, war eine Mischung aus Neid und dem Wunsch, ihre Schadenfreude zu befriedigen. Sie hatten wirklich erwartet, dass ich als eine Art reuiger Büßer zurückgekommen sei und jetzt bei ihnen um eine Wiederaufnahme bitten würde. „Der verlorene Sohn war nach Hause gekehrt.“ Die Enttäuschung stand ihnen aufs Gesicht geschrieben, als ich mich verabschiedete.
„Hast du dabei auch deine Eltern besucht?“ – fragte jetzt die Enkelin, die während der ganzen Erzählung die Ohren gespitzt, aber mit den Augen die Ferne abgesucht hatte, als würden all die Stätten und Orte dort wirklich erscheinen. Der Großvater hielt eine kleine Pause. Nun drehte sich die Enkelin herum. Er sah auf den Boden, weil er eigentlich nicht daran gedacht hatte, dass auch dies zu seiner Geschichte gehörte. „Tja,“ – dachte er, - „Wie erzählt man über etwas, was einer selbst noch nicht ganz verarbeitet hat, was man ständig nur vor sich hergeschoben hat, weil man sich damit auch eigentlich nicht gerne beschäftigt? Einen Freund, Bekannten oder Sonstige können vergessen, aus dem Gedächtnis gestrichen werden. Aber Verwandte, also Blutsverwandte bleiben, die sucht sich keiner aus, die kann man nur umgehen. Und deshalb log er, das sollte nur selten in seiner Geschichte geschehen. Er wollte diese Leute nicht schlechter machen, als sie waren. „Nein, ich habe sie nicht besucht?“ – war seine Antwort, aber in seinem Kopf spielte sich ab, was schon tausend Mal seinen Sinn betäubt hatte.
Erst kurz vor seinem Weggang hatte er erfahren, dass sein Vater eigentlich nicht sein leiblicher Vater gewesen war. Ein korrekter Affe, der es seinen Adoptivsohn nie hatte merken lassen, dass sie keine Blutbande aneinander kettete, dafür würde er ihm immer dankbar sein. Aber jener war auch keine herausragende Persönlichkeit, einfach ein Durchschnittsaffe, wie tausend andere auf den Bäumen hockten. Er hätte sicherlich ein besseres Weibchen als seine Mutter verdient. Sie dagegen hatte zwar einen Willen, aber keinen Charakter, verfügte über eine gute Nase, um ihren Opportunismus zu unterstützen. Sein echter Vater war reich gewesen, sein Stiefvater, der sie aus dem Schlamassel gezogen hatte, arm, und der nächste wieder ein Herr über weite Bananenhaine.
Die Verwandten des Stiefvaters waren nicht viel besser gewesen, als seine eigene Mutter, hatten sie doch zur Zeit der großen Kriege immer die herrschenden Schichten unterstützt, waren dabei reich geworden, hatten nicht an die Front gehen müssen, sondern hatten im Hinterland lebenssichere Ränge besetzt, und konnten es jetzt nicht vertragen, dass jemand genauso frech Füße küsste.
Als diese Verwandten nun wieder einmal eine Gesellschaft zusammengerufen hatten, um irgendein Jubiläum zu feiern, wurde die neue Haartracht seines Stiefvaters auf sarkastische Weise gelobt. Jene war ein Werk seiner Mutter, was sie auch sofort zur Bemerkung veranlasste: „Tja, früher war er einfach ein grauer Affe, aber heute kann man sich wenigsten anschauen.“ Seine Familie hatte eigentlich seine Frau empfindlich treffen wollen, sie aber wehrte sich schlagfertig, und die versalzte Suppe musste er, der Stiefvater auslöffeln. Keine Beleidigung sollte die Mutter des alten Affen treffen. Das hätte sie nicht ertragen können.
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Saturday, 24 September 2016

186) Der alte Affe erzählt 2
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Der alte Affe erzählt 2
Mit einer fremden Aussprache fragte mich eine Stimme: „Was spionierst du hier herum?“ Es war richtig, ich hatte mich wie ein Agent versteckt und den Leuten zugeschaut, ihnen zugehört. Was konnte ich jetzt darauf antworten? Da nach meinem Wissen keiner der Affen je über die Berge gegangen war, fiel es mir auch nicht ein, dass die Affen dort feindlich gesinnt sein könnten. Ich schwieg, weil ich nicht wusste, was ich hätte sagen sollen und mach mich dadurch nur noch verdächtiger. Man ließ mich wieder allein, aber jetzt konnte ich mir wenigstens den Raum, oder besser die Zelle, in der ich war, ein bisschen anschauen. In meinem Heimatland gab es so etwas meines Wissens nicht. Oder vielleicht hatte man es mir nie gezeigt? Wir lebten dort alle auf den Bäumen und kamen nur zum Wassertrinken auf den Boden.
Nach ein paar Tagen neben halbverfaulten Bananen und abgestandenem Wasser brachte man mich an einen Ort unter einem Baumhausdorf, um dort die Abfälle auf dem Boden zusammenzusammeln. Es stank fürchterlich, da lag ein Gemisch von Obstresten, Kot und Urin. Ich sollte also Sklavenarbeit verrichten. Zum Essen bekam ich nichts, was es da an Früchteresten gab, und der kleine verschmutzte Bach schien mir als Nahrung zugedacht. Wenn ich nicht arbeitete, bewarf man mich mit Abfällen. Eine unäffliche Behandlung! In der Nacht musste ich dort auf dem Boden schlafen.
Langsam lernte ich, ihre Sprache zu verstehen, obwohl jedweder Kontakt mit mir vermieden wurde. Schon einige Monate dauerte dieser Zustand, und es gab nicht gerade rosige Aussichten, wie ich hier wieder herauskommen sollte. Als ich einmal so vor mich hinträumte und wahrscheinlich zu langsam arbeitete, traf mich ein Apfelputzen am Kopf. Zornig erhob ich die Faust und rief in ihrer Sprache: „Glaubt ihr, dass dies ein affenwürdiges Verhalten ist?“ Hämisches Gelächter war die Antwort, aber von diesem Tag an bewarf man mich wenigstens nicht mehr mit Abfall.
Und irgendwann kam mir dann der Gedanke, was wohl passieren würde, wenn ich einfach fortginge. Ich bewegte mich also ganz normalen Schrittes in eine Richtung, ohne die kleinste Reaktion hervorzurufen. Als ich das Ende des Tales erreicht hatte, war es sicher, dass ich das eigentlich schon viel früher hätte tun können. Es war nur die anfängliche Einschüchterung gewesen, die mich zurückgehalten hatte. Oder einfach meine Dummheit?
Nun ging es wieder bergauf, aber dieses Mal war ich nicht mehr so neugierig darauf, was sich wohl auf der anderen Seite zeigen sollte, zuerst musste nämlich dieser Ort verlassen werden. Ich schaute nicht einmal zurück. Als ich oben angekommen war, tat sich vor mir eine Hochebene auf, mit wenigen Bäumen, aber zwei Meter hohen Gräsern und Sträuchern. Welches Affenvolk sollte wohl hier sein Leben fristen? Jetzt hatte ich aber nicht vor, mich zu verstecken. Aufrecht und ziemlich auffällig bahnte ich mir einen Weg durch das Gestrüpp.
Das sollte sich jedoch schnell ändern, als ich ein fürchterliches Gebrüll vernahm. Das waren keine Affen, es klang mehr nach riesigen Kätzchen. Schnell begab ich mich in Richtung eines nahstehenden Baumes, um einmal darauf geklettert einen Überblick über die Lage zu bekommen.
Ich schlich also von Baum zu Baum, drang so immer tiefer in die Ebene hinein. Nachts schlief ich auf einem der Früchte trug. Manchmal hörte ich dieses Katzenvieh, konnte aber niemals eines sehen. Tja! Wer versteckte sich hier vor wem? Wenn Gefahr keine wirkliche Form annimmt, wird man unvorsichtig. Das sollte auch mir so ergehen. Als ich so dahinschlenderte, wurde ich plötzlich darauf aufmerksam, dass mir etwas folgte. Wenn ich ging kam es näher, wenn ich anhielt, stoppte es auch. Es war nicht mehr weit entfernt, da nahm meine Nase den penetranten Geruch von Fleischfressern auf. Jetzt kam die Angst! Wo war der nächste Baum? Meine Verfolger hatten auch bemerkt, dass sie meine Aufmerksamkeit erweckt hatten. Und so begann die wirkliche Jagd.
Ich nahm die Beine in die Hand und flog förmlich über Gestrüpp und Büsche, aber das Kätzchen kam immer näher. Alle Körperfunktionen hatte ihre Arbeit eingestellt, nur die Fortbewegung rotierte auf vollen Touren. Wahrscheinlich wunderten sich meine Verfolger, wie ein Affe so schnell laufen kann. Doch half es nichts, die Entfernung verkürzte sich von Schritt zu Schritt. Hinter mir setzte jener zum letzten, entscheidenden Sprung an. Ich fühlte schon den tödlichen Atem an meinem Nacken, als ich den Boden unter den Füßen verlor. Wie eine Ewigkeit erschien es mir, Dunkelheit um mich, dann ein harter Aufprall. Bestimmt hatte ich mir jeden Knochen gebrochen, jedoch fühlte ich es nicht. Oben am Rand des Loches sah ich in ziemlicher Entfernung das Katzenvieh. Es hätte ohne Probleme herunter, aber sicher nicht wieder hinaufspringen können. Verärgert und fauchend schaute es zu mir in die Tiefe. Dann verlor ich das Bewusstsein.
Du brauchst Verbündete, jeder Feind deines Gegners ist dein Freund.
Ich vernahm eine zärtliche Stimme und glaubte mich im Paradies. Ein weibliches Affenengelchen mit einem wunderschönen Gesicht schwebte mir vor meinen geistigen Augen. Dieses Engelchen wechselte gerade den Verband an meiner Stirn. Ich machte langsam die Augen auf und da war sie, jung und hübsch. Sie sagte mir etwas, was ich natürlich wieder nicht verstand. Naja, erneut ein anderes Land mit einer anderen Sprache. Ob man wohl auch im Paradies eine fremde Sprache hat? Das Bild verschwand.
Ich stellte mir vor, dass ich ihr eine Liebeserklärung mache. Aber die Überraschung war groß, als sich beim nächsten Erwachen, das Engelchen in einen bärtigen, alten Affen verwandelt hatte. „Wo ist mein Engel?“ – fragte ich. „Gott ist viel zu hässlich!“ Der Arzt, der meine Sprache verstand, musste schmunzeln. „So krank können wir ja gar nicht mehr sein, wenn wir unseren Humor noch nicht verloren haben! Ihr Engel hat auch noch andere Pfleglinge.“ Wahrscheinlich sah er die Enttäuschung auf meinem Gesicht, und dass es sich bei meinen ersten Worten nicht unbedingt um Humor gehandelt hatte. Ein paar Minuten später war mein Engelchen wieder da.
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Thursday, 15 September 2016

185) Der alte Affe erzählt 1
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Der alte Affe erzählt 1
Der alte Affe sitzt auf der Veranda seines Baumhauses im Hängestuhl, raucht seine Pfeife und hört den Geräuschen des Urwaldes zu. Auf seinem Schoß liegt ein altes Buch.
Seine Enkelin kommt aus dem Vorzimmer, lässt sich neben ihm nieder. „Großvater! Erzähl mir ein bisschen über die guten, alten Zeiten!“ – „Die guten, alten Zeiten, hmm. Die waren vielleicht nicht so gut!“ – „Aber du erzählst doch immer so lustig.“ – „Natürlich, aber das bedeutet nicht, dass ich diese Ereignisse damals wirklich so empfand.“ – „Erzähl doch!“ – bat sie. Er zündete erneut seine Pfeife an, die seither ausgegangen war und begann.
Ich wurde in eine kleine Gemeinde geboren. Das ist, woran ich mich erinnern kann. Es gab dort einen sehr alten Tempel des Bananengottes. Der Priester war ein großer, dicker Mann mit dünnen Beinen, der immer den jungen Weibchen hinterher sah. Aber ich glaube, dass er ein gutes Herz hatte, weil er mit Kindern gut umgehen konnte. Die älteren Mitglieder der Gemeinde waren mit ihm nicht so zufrieden, sie hielten ihn für unmoralisch. Auch ich denke nicht, dass er ein Heiliger war. Aber man kann doch nur von Leuten mit Lebenserfahrung erwarten, entsprechend informiert oder beraten zu werden.
Jeden Morgen also, wenn alle auf Futtersuche gingen, wurde ein älteres Mitglied ausgewählt, um auf die Jungtiere aufzupassen. So schickten meine Eltern auch mich dorthin. Sehr oft kam ich aber verspätet an. Die Aufpasserin erkundigte sich bei meiner Mutter darüber. Bis sie herausfanden, dass ich mich im Tempel eingefunden hatte. Das bestätigte natürlich nicht unbedingt meinen Glauben an den Bananengott, war aber durchaus ein Zeichen für meine Neigungen. Ansonsten waren die Aufpasserinnen nicht sehr von meiner Anwesenheit begeistert, wahrscheinlich, weil sie nicht ganz wussten, was sie mit mir anfangen sollten.
Das Wohngebiet war nicht sehr groß und ziemlich ungefährlich und da ich, als einigermaßen übergewichtiger, dem Spielen und Treiben der anderen sowieso nicht hätte folgen können, machte ich meist allein Ausflüge.
Erfahrung prägt und verändert die Persönlichkeit. Aber dies ist im Allgemeinen in einer kleinen Gemeinschaft nicht so einfach. Jeder wird eingestuft und in das Gemeinschaftsmosaik eingepasst. Will er sich nicht eingliedern, oder denkt, anders zu sein, wird die Ordnung gestört. Eine kleine, enge Gruppe erzeugt Inflexibilität und führt auf längere Zeit zu Intoleranz.
Später begann der Unterricht und am ersten Tag wurde für die Neulinge ein großes Fest veranstaltet. Man wollte ihnen das Wunderbare des Lernens schmackhaft machen. Früh genug musste ich jedoch feststellen, dass die Unterrichter selbst einfach nur Bananen und Kokosnüsse im Kopf hatten. So war es auch kein Wunder, ich passte selten auf. Ich fehlte fast nie, aber dies war wahrscheinlich eher dem Zwang der Gewohnheit zuzuschreiben. Es war eine dünne, doch eine Verbindung zur Gemeinschaft. In allem anderen unterschied ich mich von ihr. Während des Unterrichts lag ich meist mit den Armen hinter dem Kopf gekreuzt irgendwo am Rande der Gruppe auf einem Ast mit herrlichem Blick in die Ferne.
Als der Unterrichter mich einmal fragte, was ich gerade mache, schaute ich ihn nur kurz mit einem Blick „Stör mich nicht!“ an und sah weiter auf die weiten Berge. Eines der jungen, weiblichen Tiere drehte sich zu mir mit „Wenn’s dir net gfällt, dann geh doch ham!“ herum. Jetzt hatten auch alle anderen ihren Kopf in meine Richtung gewandt. Gesichtsausdrücke des Unverständnisses zeigten mir, dass ich hier eigentlich nichts verloren hatte. Langsam stand ich auf und ging weg. Der Unterrichter rief mir noch nach – „Ich hab‘ dir das aber nicht erlaubt!“ Ich kam ein paar Äste zurück und antwortete – „Dich hat auch niemand gefragt.“ Ein Bruch war geschehen, der mich über die Berge katapultieren sollte. So wie mir, fehlte auch ich keinem.
Es dauerte lange bis ich zu den Höhen kam. Was war wohl auf der anderen Seite? Hinter mir verschwammen die Baumwipfel langsam zu einem grünen, einheitlichen Teppich. Voller Hoffnung, ohne das Gefühl von Hunger und Durst stieg ich hinauf, am Ende auf allen vieren.
Aber wie groß war meine Enttäuschung, vor mir das gleiche Bild zu haben, wie hinter mir. Jedoch zurück wollte ich nicht. Was für eine Blamage wäre das wohl gewesen, schon nach so kurzer Zeit wiederzukommen. Als ich mich so langsam dem Tal näherte, konnte ich nochmals das gleiche Spiel nur umgekehrt verfolgen. Der einheitlich grüne Teppich verwandelte sich Stück für Stück in Bäche, Flüsse, Seen, Lichtungen, Wälder und Bäume. Als mir dann die ersten Affen entgegenkamen, versteckte ich mich, ließ sie an mir vorbeigehen. Das Seltsame dabei war, dass sie fast genauso aussahen, auch die Kleidung unterschied sich nicht wesentlich von der meiner Heimat. Aber ich konnte nicht verstehen, was sie sagten. Sie hatten eine andere Sprache. Sogar die Dörfer waren nach dem gleichen Muster eingerichtet. Es gab Orte für Kinder, Dorfplätze, Vorratskammern und Bauwohnhäuser, überall das Gleiche. Aber wozu bedurften sie dann einer anderen Art der Verständigung?
Plötzlich packte mich eine Hand von hinten am Nacken. Ich wollte mich herumdrehen, aber diese eiserne Hand drückte meinen Kopf gegen den Boden. Andere Hände hielten meine Arme und Beine zusammen, ich wurde gebunden, man schob mir etwas in den Mund, damit ich nicht schreien konnte, zuletzt zog man mir noch einen Sack über den Kopf und dann wurde es Nacht. Ich wurde irgendwohin gebracht. Wo ich jetzt war, war es kühl, ich hörte eine Tür, die geschlossen wurde. Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, schlief nach einiger Zeit ein. Der Weg über die Berge und der Hunger hatten seine Wirkung getan. Ich war einfach müde und erschöpft.
Als ich wieder aufwachte, hatte man meine Arme und Hände an eine Art Pritsche gebunden, die sich jetzt langsam aufstellte. Der Sack wurde von meinem Kopf gezogen, ich schaute in ein Licht.
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Sunday, 4 September 2016

184) Der Tapfere
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Der Tapfere
Stolz läuft der kleine Strohhaardackel neben dem Kinderwagen. Endlich hat er seinen Platz wieder gefunden. Nachdem das Kind geboren war, fühlte er sich nämlich einfach vernachlässigt, hatte sogar ein paar Kilo zugelegt, weil man ihn für sein Geschäftchen nur noch kurz vor die Tür führte.
Früher hatte ihn seine Herrin sehr oft und lange ausgeführt, mit ihm gespielt. Wenn sie sich einsam fühlte oder traurig war, nahm sie ihn wie einen Teddy-Bär mit ins Bett. Dann kam ein junger Mann, eigentlich ganz sympathisch, aber nur auf den ersten Blick. Zuerst hatte auch er mit ihm gespielt, ihm immer einen feinen Brocken mitgebracht. Aber als er dann eingezogen war, änderte sich alles. Die Rolle des Teddy-Bärs übernahm von nun an der Jüngling. Man ging natürlich noch viel spazieren, besonders am Abend, „wie romantisch“, doch spielte mit ihm keiner mehr, und den Platz auf dem Sofa vor dem Fernsehen musste er abgeben.
Am schlimmsten war es dann die letzten Wochen vor und die ersten Wochen nach der Geburt des neuen Familienmitgliedes. Für ihn, den Hund, war dieses nur ein Eindringling, kein Hund beschäftigte sich mit dem Hund. Nur der Großvater der Familie war eine Ausnahme, während die ganze Bagage um die Kinderkrippe versammelt war und unverständliche Laute von sich gab, saß der alte Herr in einer Ecke und streichelte den Hund. Wie bei einem geheimen Bündnis saßen sie nebeneinander, schienen, sich zu verstehen. Aber bei dem Vorschlag, der Großvater solle doch den Hund mitnehmen, weil sie so gut zusammenpassten, blieb ihm kurz das Herz stehen.
Nach drei Monaten Durststrecke ging es wieder hinaus, es war gerade Frühling geworden. Und er, der Hund der Familie, hatte die Aufgabe des Wächters bekommen, die Welt schien wieder in Ordnung. Eine wirkliche Aufgabe für einen ganzen Hund. Im Park trabte der Ausgezeichnete mit erhobenem Haupt neben dem Kinderwagen, als plötzlich ein großer Hund an der Leine um die Heckenecke seine Nase erblicken ließ. Ein kurzes Knurren, gleich darauf riesiges Gebell des Kleinen, der Große ließ sich natürlich nicht zweimal bitten, stürzte auf ihn los, das Herrchen viel beinahe auf die Nase, konnte aber den Großen noch kurz vor dem Zusammenstoß mit dem Kleinen zurückhalten, was für ein Glück für den Kleinen. Lautes Gebrüll des Mannes, um den seinen zu zügeln, noch schrilleres Geschrei der Frau: „Halten sie doch ihren Hund zurück!“ Dabei war auch das bisher friedlich schlafende Baby aufgewacht und schrie nun aus vollem Hals.
Der ganze Park schaute in die Richtung, aus der der Krawall kam. Alle bewunderten den tapferen, kleinen Hund, dessen Stimme alle übertönte.
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