Monday, 20 June 2016


170) 1) Sprachen 2) Tunwörter (Verben) und ihr Fall (casus)
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170
1) Sprachen 2) Tunwörter (Verben) und ihr Fall (casus)
Sprachen
Wörter? Ob ein Tisch nun table, mesa, стол, oder asztal genannt wird, ist eigentlich ziemlich unwichtig, damit lässt sich höchstens die Herkunft des Wortes oder der Sprache erkennen.
Eine Sprache besteht aus Aufbau, die Aufteilung der Begriffe in verschiedene Gruppen und ihre Platzierung innerhalb dieses Aufbaus.
Eine Hauptgruppe bilden die Verben, sie zeigen die Richtung der Handlung: zum Beispiel: „schreiben, laufen“, oder geben eine Aufforderung an: „Schreib! Lauf!“ oder die Zeitaufteilung: zum Beispiel: „schrieb, lief“.
Für die informale Form (Herr, Frau Müller) hat eigentlich (meines Wissens) keine Sprache eine eigene Form. Meist fällt diese mit den zweiten und dritten Personen (du, er, sie, ihr, sie) zusammen.
Durch Hilfsverben lässt sich dieses Spektrum noch erweitern: zum Beispiel: „wird schreiben, wird laufen“ drückt die Zukunft aus, oder: „hat geschrieben, ist gelaufen“ ist die Beziehung zur Gegenwart, oder: „was reading when suddenly the phone rang“ zeigt die Gleichzeitigkeit oder Unterbrechung einer Handlung durch eine andere, „had finished till arrived“ die Vorzeitigkeit, „ist gefahren (reisen), hat gefahren (selbst am Steuer sitzen)“ informiert darüber, ob eine Handlung auf etwas einwirkt oder allein besteht. Weiterhin kann es die Aufmerksamkeit des Zuhörers oder Lesers auf den Gegenstand lenken, auf den die Handlung einwirkt „ist gebaut, wird gebaut“.
Bevor wir zu den Sätzen kommen, wobei verschiedene Nebensätze in einigen Sprachen sogar über ihre eigene Konjugation verfügen, müssen diese Konjugationen zuerst behandelt werden. Hauptsätze wie „Ich wünsche, Ich möchte, Ich rate dir“ oder „Ich befehle dir“ ziehen einen Subjunktiv nach sich. Einige Sprachen besitzen dafür eine eigene Form (Subjunktiv) „Le dije que lo haga.“ andere benutzen den Konjunktiv, dritte erledigen dies mit einer Infinitivkonstruktion „I told her to do that.“ vierte mit Hilfe eines Modalverbes „Ich sagte ihr, dass sie das machen soll“.
Für die Möglichkeitsform wird ein Konjunktiv benutzt.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in der Aussageform, Gegenwart und Vergangenheit in der Möglichkeitsform und die Gegenwart bei der Aufforderung.
Eine weiter Änderung ergibt sich durch Modalverben, wobei vier Fälle zu erwähnen wären: 1) die Fähigkeit = können, 2) die Erlaubnis = dürfen, 3) die Verpflichtung = müssen und 4) der Wunsch = wollen. Es ist klar, dass es dies nur in der Aussageform und Möglichkeitsform, aber nicht in der Aufforderungsform gibt.
Verschiedene Sprachen verfügen weiterhin über impersonelle Formen: „Il faut que je fasse, Hay que hacer, opportet, Мне нужно сделать, Nekem kell valamit csinálnom”, oder der Beschreibung: „Es regnet”.
Natürlich bestehen noch viele andere kleinere Funktionen der Verben, die sich aber von Sprache zu Sprache sehr unterscheiden.

Tunwörter (Verben) und ihr Fall (casus)
„der, den, dem, des + s“, auf diese und ähnliche Weise ist der Gebrauch der Hauptwörter (Substantive) eingeteilt.
der = der Fall für den Namen, das Hauptwort erscheint in seiner Grundgestalt, zum Beispiel: der Stift, der Mann. Dazu gehören bestimmte Tunwörter: sein, geschehen, vergehen in erster Linie und natürlich: gehen, reisen, eintreten.
den = Jemand benutzt das Ding, das Ding wird benutzt, zum Beispiel: den Stift, oder: Jemand sieht den Mann, der Mann wird gesehen.
dem = 1) der Geben-Fall: Ich gebe, schicke, sende, schenke ihm etwas. 2) in welche Richtung-Fall: Das gefällt, schmeckt, gelingt dem Mann. Man hat das Gefühl, dass er etwas tut, wobei die Handlung nur in seine Richtung geht.
des+s = Ich bedarf deines Rates. Eigentlich: Ich bedarf, dass du mir hilfst / mir einen Rat gibst. Dieser Gebrauch ersetzt im Grunde genommen einen Nebensatz.
Der Präpositionsfall = Ich gehe in den Garten. Ich schreibe mit dem Stift. Ich helfe bei der Arbeit. Ich beginne mit dem Essen (Ich beginne, zu essen.)
Wir sehen, dass Tunwörter in verschiedene Gruppen aufgeteilt werden können, einige von ihnen auch zu verschiedenen Gruppen gehören, und manchmal sogar in demselben Satz.
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Friday, 17 June 2016


169) Das große Werk
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Das große Werk
Er hatte gerade seine Arbeit in der Fabrik beendet und wandelte gemäßigten, verträumten Schrittes nach Hause. Langsam schaltete sein Gehirn um, suchte die Brücke zu dem, wo er in der letzten Nacht aufgehört hatte und jetzt weiterarbeiten wollte. Seine Arbeitskollegen riefen ihn in die Kneipe zu einem Getränk, aber er wehrte ab. In den letzten Monaten hatte er sich ganz verändert. Er war fünfzig geworden und an seinem Geburtstag so betrunken gewesen, dass er danach drei Tage das Bett hatte hüten müssen.
Aber was machte er seit diesem Tag jeden Abend allein zu Hause? Er war geschieden, seine Kinder wollten nichts von ihm oder er nichts von ihnen wissen, er hatte es vergessen. Er arbeitete an seinem Lebenswerk. Etwas, ihn verewigen, überleben, nach ihm bleiben sollte. In Urzeiten wurden aus Helden Götter, später Legenden. Heute standen diese Leute in Geschichtsbüchern. Aber normale Leute wurden spätestens nach zwei bis drei Generationen vergessen. Dass er während seines Lebens unbekannt blieb, störte ihn nicht, weil er dann wenigstens seinen Alltag ruhig genießen konnte. Aber nach seinem Tod sollten alle erfahren, wen man an ihm verloren hatte.
Nach zehn Jahren Arbeit war er eigentlich gut vorangekommen. Natürlich gab es manchmal Höhen und Tiefen. Und jetzt sollte er bald in Rente gehen, dann könnte er sich ganz seinem Werk widmen, würde nicht durch Fabrikarbeit unterbrochen. Er ging nur noch unter die Leute, wenn er etwas einkaufen musste.
Für die meisten war er einfach ein Spinner. „Ja, alte Leute, die leben nur noch für sich, träumen von alten Zeiten, verstehen die neue Welt nicht mehr, aber wollen auch von ihr nicht verstanden werden. Die alten Jungfern rennen ständig in die Kirche, die alten Männer immer in die Kneipe.“ Aber was machte dieser hier? Die Jungen interessierte es nicht, sie waren sogar froh, wenn sie ihn sahen, weil er sich nicht mit ihnen beschäftigte, sie nicht störte. Und seine Zeitgenossen? Sie wurden immer weniger, starben langsam aus, hätten gern mit ihm gesprochen, doch er ging einfach an ihnen vorbei. Sie begannen schlecht über ihn zu sprechen, weil er sie aus seinem Leben ausschloss. Seine Welt war nicht mehr ihre. Er merkte nicht, wie er sich langsam vom Leben entfernte, verwahrloste ein bisschen, wusch sich seltener, verbreitete einen eigenartigen Geruch, aß unregelmäßig, versank in seinem Werk. Nach seinem Tod würde man es entdecken und würdigen.
Als er eines Morgens aufwachte, ein warmer herbstlicher Tagesanfang, vom Bett aus betrachtete er das Ergebnis seiner Arbeit. Es war fertig. Was würden sie damit machen, wenn sie es fänden. Sehr oft hatte er erfahren müssen, wie Dinge einfach weggeworfen wurden, weil sie für die Nächsten nicht mehr wichtig waren, weil sie darin das Werk nicht sahen, oder nicht sehen wollten, vielleicht nicht konnten. Er musste es schützen, vor unverständigen Händen und Blicken bewahren. Aber wie? Hatte er so lange daran gearbeitet, damit es jetzt verloren ging? Er würde es vergraben. Hinter seinem Haus im Garten. Und wenn die Menschheit einmal reif genug ist, es zu verstehen, wird sie es finden. Genauso wie man früher Gräber ausgeraubt hatte, aber heute ihre Schätze im Museum ausstellte.
Nachdem man ihn monatelang in keinem Geschäft gesehen hatte, brach die Polizei die Tür zu seinem Haus auf. Es stank fürchterlich. Nur noch die Knochen waren da. Keiner wollte die Bruchbude kaufen und so zerfiel sie langsam. In dem Dorf wollte sich niemand ansiedeln und so blieb alles unberührt.
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Sunday, 12 June 2016


168) Die Geschichte der Gleichheit
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Die Geschichte der Gleichheit
Der Pharao wandelte mit seiner kleinen Hofgesellschaft an seinem Grab vorbei. Eine große Leibwache brauchte er nicht, weil ihn alle für einen unsterblichen Gott hielten. Er herrschte über ungefähr hunderttausend Leute. Dies war genug, um seinen Hof zu unterhalten, ein kleines Heer aufzustellen und somit die Raubzüge der lybischen Nomaden im Westen und der semitischen Stämme im Osten abzuwehren.
Die Griechen waren anspruchsvoller. Fünfhundert wahlberechtigte Bürger, genauso viele Frauen, tausend Kinder und zweitausend Sklaven. Ohne diese ausgeglichenere Verteilung der Güter und die Eigeninitiative der einzelnen Bürger wäre die Erhaltung der Kolonien nicht möglich gewesen.
Bei den Römern ging es wieder ein paar Schritte zurück. eine riesige Zahl von Kolonien und Sklaven ernährten einige wenige gut und eine Schar Taugenichtse in Rom.
Das Mittelalter brachte es zu ein paar Kirchen im romanischen und gotischen Stil. Außer den höheren geistlichen oder weltlichen Würdenträgern befanden sich alle auf dem Existenzminimum mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von fünfunddreißig. Als Steuersatz galt „der Zehnte“. Mehr war aus den armen Leibeigenen nicht herauszupressen.
Mit der Festigung der Königreiche in Europa begann auch der Wettkampf zwischen ihnen. Die Kriege wurden immer teurer und die Möglichkeiten der Finanzierung waren begrenzt. Entweder verfügte man über völkerreiche Gebiete oder reiche Gold und Silberminen, wie die Spanier in ihren Kolonien. Andere Länder bauten Handelsstädte auch, zum Beispiel Venedig, Genua, Hamburg, Salzburg, Nürnberg usw., die höhere Steuern bezahlen konnten.
Die führte nun zur Entstehung einen Bürgertums, dem nicht mehr so leicht zu befohlen werden konnte. Der König oder Fürst war gezwungen, Zugeständnisse zu machen. Die Folge waren der Parlamentarismus in England und die Französische Revolution.
Die Sklaven waren anfangs als billige Arbeitskräfte für die Kolonien unentbehrlich. Aber nach der Verteilung der Ländereien in Arizona, New Mexiko und Texas behinderten sie die Entwicklung einer modernen Landwirtschaft in den U.S.A. und mussten deshalb befreit werden. Dies geschah im amerikanischen Bürgerkrieg.
Die wirtschaftlichen Umstände waren natürlich noch nicht reif für eine vollständige Gleichberechtigung, vor allem weil auch normale Bürger und Frauen diesen Grad noch nicht erreicht hatten. Immer kompliziertere und wechselhaftere Industriezweige benötigten ausgebildete und mobile Arbeitskräfte, und der Staat noch mehr Geld. Sollten aber die Bewohner eines Landes höhere Steuern bezahlen, dann mussten sie auch mehr verdienen, der Binnenmarkt musste aufgebaut werden.
Der Markt bedeutet nicht nur produzierende Industrie und Luxusgüter, sondern auch Konsumgüter für weniger vermögende Schichten. Umso mehr der Staat auch dieser Bürger bedurfte, erzwangen sie sich das Wahlrecht. Danach ging es Schlag auf Schlag, zuerst die Frauen, die Schwarzen und heute Kinder. Eine Industrie könnte ohne diese Käuferkreise nicht mehr existieren. Ein Blick auf ein Einkaufszentrum im Stadtinneren zeigt uns die Hauptzielgruppe: Jugendliche zwischen zwölf und zweiundzwanzig Jahren.
Was wird wohl der nächste Schritt? Im Laufe der Geschichte waren es immer die Klassen, die gerade die Gleichberechtigung für sich erreicht hatte, welche einen Aufstieg der unter ihnen liegenden Schichten zu verhindern suchte. So ist es bis heute geblieben. Der Pöbel hat Angst, niemanden zu haben, den er treten kann. Das heißt heute Ausländerhass. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es noch fünfeinhalb Milliarden Arme in den Entwicklungsländern gibt. Ein neuer Markt für wirtschaftliche Entwicklung und die Hoffnung für diese Leute in der Zukunft einmal gleichberechtigt zu sein.
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Sunday, 5 June 2016


167) Liebe in alter Mode
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167
Liebe in alter Mode
Noch schnell ins Blumengeschäft, eine rote Rose. In seinen Ohren klang ihm das Lied von Heino „Schenk ihr eine rote Rose“. Er war ein bisschen aufgeregt, hatte er sie doch nicht, wie seiner Zeiten, am Arbeitsplatz, auf einer Hochzeit oder durch ein Heiratsinstitut kennengelernt. Diese Firmen waren alle bankrottgegangen, als das Internet kam und die neuen nannten sich nur „Partnersuche“. Dort gab es keine hübsche Beraterin, die einem Tipps zuflüsterte, was man schreiben sollte, um im besten Licht zu erscheinen. Jetzt musste man selbst nachdenken. Dann wurden zehntausend elektronische Nachrichten ausgetauscht, sogenannte Emails. Hier lernte er schreiben, wie Cyrano de Bergerac, wusste eigentlich schon alles über sie, hatte auch tausend Mal gelogen. Tja! Wie überredet „Mann“ „Frau“? Das kostete Nerven, Zeit, Energie. Sie hatte zwar ein Foto geschickt, aber das war natürlich keine Garantie, wahrscheinlich genauso aufgearbeitet, wie sein eigenes.
Es war Winter und die Rosen im Geschäft kamen mit dem Flugzeug aus Afrika, die war noch immer billiger, als sie hier im Glashaus zu züchten. Auch er hatte schon ein paar Mal seinen Arbeitsplatz wechseln müssen, weil in Entwicklungsländern billiger gearbeitet wurde, oder ein Einwanderer für einen niedrigeren Lohn bereit war, die Aufgaben zu übernehmen. Diese globale Welt gefiel ihm nicht. Jetzt war er fünfzig und musste sich ständig weiterbilden. Jeden Abend saß er nach der Arbeit zu Hause und lernte Englisch oder etwas Neues auf seinem Fachgebiet. Warum musste er eine andere Sprache lernen? War nicht die Deutsche die schönste, ausdrucksreichste und schwerste auf der Welt?
Er wählte eine schöne, große Rose mit einem langen Stil. Noch schnell eine Zigarette und dann ein Kaugummi. Zu seiner Jugend war das Rauchen noch männlich. Marlboro-Werbung: Ein Cowboy auf seinem Pferd und vor ihm die weite Prairie. Zehn Minuten vor der verabredeten Zeit traf er dort ein. Er hatte gedacht, dass der von ihr vorgeschlagener Platz ein ruhiger Ort sei, aber hier standen schon einige Leute. Zerrissene Jeans, Mädchen fast im Bikini, ein farbiges Durcheinander. Doch eines hatten sie alle gemein, sie waren jünger als er und in ihren Händen trugen sie ein Handy, entweder um etwas zu lesen, oder um etwas zu schreiben oder spielen. Er zog seinen Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heraus, den er noch hatte lesen wollen.
Aber warum hatte er ihn eigentlich aus der Tasche gezogen? Er wusste genau, dass er sich jetzt nicht darauf konzentrieren konnte. Vielleicht, um nicht zu sehr den Eindruck zu erwecken, dass er doch auf sie wartete. Ein Blick auf seine teure Armbanduhr verriet ihm, es war noch nicht so weit. Er hielt die Rose fest und fühlte die Dornen. Warum musste so ein schönes Ding so stachelig sein? Wer leidet wohl mehr, die Rose, die ihre Anbeter durch die Dornen fernhält, oder die Anbeter, die sich daran stechen? Wahrscheinlich beide gleich viel, nur anders.
Jetzt bemerkte er auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes eine Person, die der glich, auf die er wartete. Es musste sie sein, weil die besprochenen Kennzeichen, in seiner Hand Rose und Zeitung, in ihrer Hut, darauf hindeuteten. Sie war ziemlich pünktlich, nur drei Minuten zu spät, das war nichts. Eine ihrer positiven Eigenschaften, oder nur die Wichtigkeit des Treffens? Es würde sich herausstellen. Er gab ihr noch keinen Kuss auf den Mund, sondern nur einen auf die linke und rechte Backe, dabei legte er die Hand leicht um ihre Hüfte und zog sie zärtlich näher. Sie wehrte nicht ab, ließ sich führen. Dann überreichte er die Rose. Das Papier um den Stil war ein bisschen gerötet, deshalb nahm sie schnell zwei Taschentücher hervor, eines für die Rose und mit dem anderen behandelte sie seine Hand.
Die ersten Worte waren gewechselt, die ersten Berührungen ausgetauscht, besser hätte es nicht laufen können. Als Programmpunkt für den Abend hatte er eigentlich an ein Konzert oder Theaterstück gedacht, doch dies hatte sie abgelehnt, weil sie meinte, dass es später noch viele Gelegenheiten geben würde, an denen man sich weniger zu sagen hätte und erst wieder neue, gemeinsame Erlebnisse sammeln müsse. Er führte sie also auf ihren Wunsch in eine kleine, gemütliche Gastwirtschaft. Es war auch nicht so teuer, weil sie als moderne Frau darauf bestanden hatte, die Hälfte der Rechnung zu begleichen. Zudem war es offensichtlich, ihren Arbeitsplatz beurteilend, dass sie mehr als er verdiente. Der Kellner kam, brachte die Speisekarte und wand sich ihr zu. Ein leichter, trockener Weißwein. Er stimmte zu. Natürlich trat hier sofort das nächste Problem auf: Was sollte er dazu essen? Sie bestellte Fisch mit Reis und Gurkensalat, er nickte nur. An diesen Kulturschock musste er sich erst gewöhnen. Kein Bier, kein Schnitzel mit Pommes, kein Schnaps danach, und vor allem keine Zigaretten. Was für eine Welt!
Sie verstand auch nichts vom Fußball, sah sich lieber Tennis an, nahm drei Mal in der Woche an einer Aerobic-Stunde teil. Ein bisschen moderne Malerei und Esoterik, Mozarts Don Giovanni im Porsche mit Donna Elvira im Bikini, „Sauls Sohn“ musste man gesehen haben, sie war „up to date“. Er würde sich in diese Richtung weiterbilden müssen und seine Halbkultur durch eine andere ergänzen. Sie merkte, dass er nicht zur gleichen Gesellschaftsschicht gehörte, nicht die gleichen Kreise frequentierte. Jede Zeit hatte seine eigenen Symbole. Zur Zeit seiner Mutter waren es Moped, Elvis und Miniröcke gewesen. Die Frau, die jetzt vor ihm saß, wäre in fünfzig Jahren ein Clown. Nur der Fußball und Bier schien ihm ewig.
Nach dem Abendessen ein Spaziergang durch den Park um den kleinen, künstlichen See, besser als am Flussufer entlang, weil es hier wenigstens keine Stechmücken gab. Die leichte Jacke trug sie über die Tasche gehängt, so dass die Schultern und die Haut über den Busen freilagen. Das dünne Kleidchen lag eng an. Die Schultermuskulatur schon ein bisschen eingefallen, um die Hüfte nur ein paar Kilo zu viel, der Hintern mehr platt und die Haut porig, aber für ihr Alter noch ganz in Ordnung. Das passte zu seiner flachen Brust, dem kleinen Bierbauch und den dünnen Armen. Sie gefielen sich.
Warum brauchten sie einander? Vielleicht mehr, um das Wochenende und den Urlaub nicht allein verbringen zu müssen. Sie besprachen noch das nächste Treffen. Spät brachte er sie zu ihrem Auto und ging zu Fuß nach Hause.
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Sunday, 29 May 2016


166) Der Goldfrüchtebaum
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166 Der Goldfrüchtebaum
Da schlummerte er im Schatten des kleinen Unterstandes. Seine Hunde arbeiteten für ihn, sie passten auf die Schafe auf, jeder Eindringling, ob Mensch oder andere Tiere, wurde sofort durch lautes Gebell gemeldet, nicht einmal ein Eichhörnchen konnte sich unbemerkt nähern.
Deshalb war es dem Hirten auch unverständlich und er wusste nicht genau, ob er träumte oder wach war, als so ein Struppelschwanz neben ihm saß. Er bewegte sich nicht, wollte das tapfere Tier nicht verjagen. Es hatte eine schimmernde Frucht in seinen Vorderpfoten und sagte: „Daraus wird ein Goldfrüchtebaum! Such einen geeigneten Platz und pflanz es ein! Und dann komme ich, um in dem Baum zu wohnen.“ Es gab ihm die Frucht und verschwand.
Ein paar Wolken hatten die Sonne verdeckt, eine leichte Brise wehte über die Weide. Einer seiner Hunde stupste ihn am Bein. Er sah auf und wusste, dass er seine Schützlinge in den in der Nähe liegenden, zerfallenen Burghof bringen musste, in dem die Tiere weniger dem Unwetter ausgesetzt waren. In der Ruine angekommen, fing es auch schon an, zu regnen. Jedes Tier suchte seinen Lieblingsplatz auf und der Hirte ließ sich in dem nach einer Seite halb geöffneten Schuppen nieder. Er machte ein kleines Feuer und begann, ein Stück Speck und eine Zwiebel auf einem Spieß zu grillen. Als es fertig war, griff er in die Jackentasche, in der sich ein bisschen Salz befand. Aber da war etwas. Er nahm es heraus und betrachtete es genauer. Eine schimmernde Frucht! Nachdenklich drehte er sie in seiner Hand. Hatte er doch nicht geträumt? Der Hunger rief, er salzte sein Essen. Was sollte nun mit dieser Frucht passieren? Vielleicht ließ sie sich verkaufen? Ein Stück Speck? Solches und ähnliches ging ihm durch den Kopf, als er kaute.
Als er wieder auf der Weide saß, glitt sie mehrmals durch seine Finger. Dann stand er auf, machte mit seinem Stock ein Loch, legte sie hinein und holte aus der nahen Quelle ein bisschen Wasser, um sie zu begießen. Dies tat er jetzt jeden Tag. Bis zum Herbst konnte aber noch immer nichts erkannt werden und im Winter vergaß er die Sache ganz. Es war kalt und oft plagte ihn der Hunger.
Im Frühling dann sah er vor seinem Unterstand etwas Kleinen, Schimmerndes, das aber kein Grashalm zu sein schien. Näher betrachtet glich es einem Baumsprössling, vor allem genau an der Stelle, an der er im Vorjahr die Frucht gepflanzt hatte. Schnell holte er ein paar stärkere Stöcke aus dem Wald und baute einen kleinen Zaun um die kleine Pflanze, damit sie nicht von den Schafen zertrampelt oder abgeweidet würde. Wieder begann er, sie jeden Tag mit dem Wasser aus der nahen Quelle zu gießen. Nach dem fünften Jahr konnte er einen Teil seines Körpers im Schatten des kleinen Baumes legen. Im zehnten Jahr ließ sich die erste Frucht sehen. Als das zwanzigste Jahr vergangen war, kam das kleine Eichhörnchen wieder zu ihm, als er gerade im Schatten des Baumes schlummerte und steckte eine goldene Frucht in seine Tasche. Erst am Abend bemerkte er sie, während er das Essen grillte und es salzen wollte.
Er blickte in den Baum hinauf, in dessen Ästen er den kleinen Freund erblickte. Nun hatte er wieder ein! Was sollte er jetzt damit anfangen? Wenn er sie verkaufte, müsste er sein Lebtag nicht mehr arbeiten. Einen warmen Ofen, Suppe, nicht gegrilltes, Kartoffelpüree wie früher zu Hause in seiner Kindheit. Aber würde man ihn nicht fragen, woher das kommt? Wie sollte er das erklären? Tagelang dachte er darüber nach, wollte auch das großzügige Tierchen im Baum fragen, doch dieses ließ sich nicht blicken, sondern ließ ihn mit seinem Problem allein.
Umso mehr er darüber nachdachte, desto mehr kam ihm die Überzeugung, dass er die Frucht entweder einpflanzen oder wegwerfen sollte. Um ein ähnliches Problem für die Zukunft zu vermeiden, warf er sie weg. Wie erstaunt war er, als zwanzig Jahre später ein Eichhörnchen kam, und ihm eine neue Frucht in die Tasche steckte.

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Thursday, 19 May 2016

165) Rassismus
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165
Rassismus
In allen Religionen steht ein schaffender Gott am Anfang, der nacheinander die Welt aus dem Nichts aufbaute, oder eine Mutter Erde auf der dann alles entstand. Zuerst Tag und Nacht, dann Erde und Gestirne, Tiere für Wasser, Land und Luft, bei den Griechen sogar für das Feuer den Phoenix, als letztes den Menschen, das größte Erzeugnis seines Gesamtwerkes. Innerhalb dieser Ordnung stehen weltliche Würdenträger, die meist auch die höchsten, geistlichen Ämter innehaben, an der Spitze der Pyramide.
Dass mit diesem Aufbau etwas nicht ganz stimmt, fiel nicht nur einem auf. Von Buddha über Jesus, Martin Luther, die Französische Revolution bis zu Gandhi, dem amerikanischen Martin Luther King oder Nelson Mandela bäumten sie sich auf.
Mehrere Kulturen, Religionen und Völker umgreifende Reiche bildeten sich, das chinesische, die indischen, das persische, das römische. Viele Götter wurden übernommen, die besiegten Völker versklavt. Wenn sich die verschiedenen Kulturen assimiliert hatten, wurden aus den Sklaven sehr oft herrschende Schichten, weil diese mehr gezwungen waren, mit Hilfe ihrer Fähigkeiten zu überleben, und diese aus diesem Grund besser als die ehemaligen Eroberer entwickelt hatten. Aus Aufzeichnungen wissen wir, dass die Heere der größeren Reiche teilweise bis zu neunzig Prozent aus Kriegern fremder Völker bestanden.
Von Zeit zu Zeit vereinigten sich Horden oder Nomadenvölker, wie Tartaren, Mongolen, Skythen oder türkische Stämme und dann ging es wie eine Lawine. Eine kleine Gruppe unterwarf eine benachbarte, wobei sich jene dem Sieger anschloss. Mit doppelter Kraft besiegten sie viele andere, die sich wiederum mitreißen ließen, usw. Hierbei entstand eine ganze Welle, die alle paar Jahrhunderte zu einer richtigen Völkerwanderung führte.
Nach dem dreizehnten Jahrhundert waren auf der euroasiatischen Platte fast alle sesshaft geworden, Städte und Festungen wurden errichtet, Nationalstaaten bildeten sich. Religiöse Schriften, wie die Bibel, verbreiteten den Gedanken von einem auserwählten Volk.
Den letzten traurigen Schritt zum Rassismus machte ungewollt die Wissenschaft. Der Wissensdurst und die immer größere Gewissheit, dass der Mensch ein Teil einer natürlichen Entwicklung ist, schloss natürlich einen Entwicklungsunterschied zwischen den Völkern ein. Die Lehre vom Überlebenskampf und dem Sieg des Besseren tat den Rest. Wenn die Araber, Türken, Inder, Römer jemanden versklavten, taten sie dies, weil jener seine Schulden nicht begleichen konnte oder sein Volk besiegt worden war, aber niemals aufgrund seiner Rasse. Sehr viele wurden dann später befreit und übernahmen hohe Ämter. Aber der Europäer war anders.
Der Wandel vom Königreich zum Nationalstaat und die biblische Theorie des auserwählten Volkes führten zu der falschen Schlussfolgerung, dass es höhere und niedrigere Rassen geben muss. Die Versklavung und Verschiffung der Schwarzen nach Amerika und anderen Südseeinseln war der erste Schritt und der Holocaust der schrecklichste und hoffentlich letzte.
Einmal werden ein afrikanischer, ein asiatischer und ein europäischer Typ oder eine Mischung aus allen dreien auf dem Mars stehen und sagen, dass sie „nur“ Menschen sind.

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Thursday, 12 May 2016

164) Das ewige Leben
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Das ewige Leben
„Hier“, fragte der erste verständige Mensch und zeigte mit seinem Zeigefinger auf den Platz, an dem er gerade stand. „Hier“, antwortete sein Begleiter. „Dort“, indem er mit seinem Finger in die Richtung zeigte, aus der sie gekommen waren. „Dort“, kam die prompte Antwort. „Dort“, indem er in die zu gehende Richtung zeigte. „Dort“, wiederholte der andere. Sie sahen sich an und erkannten einen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen „dort“.
Wann die Erkenntnis sich bemerkbar machte, dass es sich hier nicht nur um einen räumlichen, sondern auch um einen zeitlichen Unterschied handelte, ist schwierig abzusehen. Dann begannen sie, sich über Vergangenes und Kommendes zu erzählen. Anfänglich war das Erinnerungsvermögen wahrscheinlich begrenzt. Tote Gruppenmitglieder wurden schnell vergessen. Bei vagen Bruchteilen des Gedächtnisses verwandelten sie sich zu Göttern, waren dann unsterblich. Aber für die meisten gab es nur Geburt und Tod, wobei das Leben dazwischen im Allgemeinen nur aus höchstens zwanzig bis fünfundzwanzig Sommern bestand.
Wunsch nach Gleichberechtigung ist ein natürliches Bedürfnis des Menschen. Warum sollte nur der König, Pharao, Hauptmann oder Gruppenführer über dieses Vorrecht verfügen. Leute, wie Zarathustra, Buddha oder Jesus, verursachten die ersten gesellschaftlichen Revolutionen. Der eine teilte die Welt in eine gute und eine böse Macht auf, und es kam darauf an, auf welche Seite man sich stellen wollte. Der andere versprach das Nirwana all jenen, die bereit waren ihr, ihr Leben nach bestimmten Regeln zu führen. Der dritte flunkerte ihnen ein Paradies vor, in dem sie zu Gottes Füßen sitzen könnten, wenn sie arm blieben.
Es stellte sich nur noch die Frage, auf welchem Weg man dorthin kommt. Anfänglich war man sich gewiss, dass es der ganze Körper schafft. Die beweisen reiche Gräber, in die die Toten gelegt wurden. Da fehlte es wirklich an nichts, Lebensmittel, Waffen, seine Lieblingstiere, und in den reichsten auch seine Diener oder sogar seine Frauen. Andere freuten sich über diesen Aberglauben und raubten sie aus. Man baute sie besser oder versteckte sie. Aber vor dem Menschen ist nichts sicher, alles wird gefunden und gestohlen. Deshalb musste man sich einen anderen Trick ausdenken. Jetzt sollte es nur der Seele gelingen, das Ziel zu erreichen. Dies hatte natürlich noch Vorteile, mehrere Male konnte das Leben wiederholt werden. Aber ewig durfte es nicht dauern, dies wäre doch zu viel Glück gewesen. Oder war und ist unendliche Zeit einfach unvorstellbar? Dennoch führte die Aussicht auf noch eine Möglichkeit, alles ein zweites und vielleicht drittes Mal versuchen zu können, zur Beruhigung der Gemüter. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, dass Religionen vor allem in Industriestaaten bis heute überlebt haben.

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