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151) Die neue Bekanntschaft
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Die neue Bekanntschaft
Eine halbe Stunde vor der Abfahrt stand der Zug
schon auf dem Gleis. Er suchte sich einen Wagon ganz hinten aus, weil er die
Erfahrung gemacht hatte, dass dort weniger Leute einsteigen. Im Zug war noch
niemand, also ließ er sich in einem Abteil nieder. Das neue Buch in seiner
Tasche wartete darauf, gelesen zu werden. Er packte Kaffee, Kekse und
Zigaretten aus, schaltete das Licht ein und machte es sich gemütlich. Was für
eine Ruhe! Ein drittel des Buches könnte beendet werden.
Der Zug fuhr schon eine Stunde. Er kam mit seinem
Buch gut voran, vor allem, weil sich niemand in seinem Abteil eingefunden
hatte, selbst den Schaffner hatte er nicht bemerkt, als dieser an seiner Tür
vorbeiging. Der Beamte kannte ihn schon seit Jahren und wollte ihn nicht beim
Lesen stören. Plötzlich öffnete sich seine Tür, er sah auf, das Buch hatte
sowieso nicht gehalten, was es versprochen hatte, er hätte noch ein anderes mitnehmen
sollen. Er schaute in ein gelangweiltes, aber nicht unschönes Gesicht. Sie
ließ sich ihm gegenüber nieder, er machte ihr auf der Ablage Platz, wofür sie
sich mit einem dürftigen Kopfnicken bedankte und eine Akte aus der Tasche
zog.
Es mussten Verträge sein, sie korrigierte hier
und da einige Sätze. Der Stoß auf ihrem Schoß war dick, sie vertiefte sich in
ihre Arbeit. Sein Buch war so langweilig, wie ihr Gesicht gelangweilt. Wenn
der Zug neben einem Wald vorbeifuhr, der einen dunklen Hintergrund bildete,
entstand im Fenster ein Spiegel. Er konnte sie sehen, ohne sie direkt
anschauen zu müssen. In diesem undeutlichen Spiegelbild erschien sie
geheimnisvoll. Warum hatte sie sich gerade in sein Abteil gesetzt?
Ihr Stift fiel auf den Boden und schnell bückte
er sich, um ihn aufzuheben. Als er ihn ihr in die Hand legte, schaute er in
ihr trauriges Gesicht. Die ersten Worte lagen ihm auf der Zunge: „Mein Name
ist Peter.“ „Laura!“ – antwortete sie. „Sind die Dokumente so langweilig, wie
mein Buch, weil ich schon eine ganze Weile aus dem Fenster schaue?“ „Wir sind
Meister auf dem Gebiet, die Zeit totzuschlagen!“ „Ich lese eigentlich sehr
gern, aber dieses Buch ist nicht gerade das, was ich mir unter seinem Titel
und dem Autor vorgestellt hätte.“ „Meine Arbeit füllt einen großen Teil
meiner Zeit aus, und dabei bin ich mir nicht immer sicher, ob ich das auch
wirklich will.“ Ein Wort gab das andere, ein Gedanke reihte sich an den
anderen.
„Arbeitest du viel?“ „Wenn man Karriere machen
will, bleibt einem nichts anderes übrig. Und was machst du, wenn du Zeit
hast, Bücher nach deinem Geschmack zu lesen, oder dich auf die faule Haut zu
legen?“ „Ich bin Schriftsteller.“ „Hm! Ein richtiger Schriftsteller? Was ist
bisher von dir erschienen?“ „Ich veröffentliche nicht über Verlage. Auf
meinem Blog kann man alles lesen.“ „Aber dadurch verdienst du doch kein Geld,
nicht wahr?“ „Solange man unbekannt ist, verdient man auch nichts. Im
Allgemeinen verkauft man das Autorenrecht an einen Verlag. Wenn man Glück
hat, und noch einen zweiten Kassenschlager schreibt, bekommt man ein wenig
mehr. Aber grundsätzlich wird vorgeschrieben, was der Autor komponieren soll.
Die Werbung ist sozusagen das Wichtigste! Ein Beispiel aus der Musik: Kennst
du Frank Zappa?“ „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich seinen Namen nicht
schon einmal gehört habe.“ „Er war einer der größten Musiker des zwanzigsten
Jahrhunderts, aber da er zu aufwieglerisch war, versuchte man ihn Mundtot zu
machen. Danach gründete er seine eigene Plattenfirma. Leider fehlte ihm
natürlich das Verteilernetz. Er hatte keine eigenen Plattengeschäfte oder
Zeitungen und Werbefirmen, deshalb ist er eigentlich fast nur unter
Liebhabern bekannt.“ „Du möchtest also damit sagen, dass wir auch bei Büchern
an der Nase herumgeführt werden und nicht lesen, was wirklich gut ist?“ „Sehr
richtig! Trends und Mode werden mehr oder weniger gemacht. Wir sind nur die
dummen Verbraucher, die kaufen, was es auf dem Markt gibt. Meist wird
irgendetwas hervorgehoben, was dann überall erscheint. Nur sehr selten
gelingt es einem wirklichen Talent die Aufmerksamkeit der Firmen- und
Medien-Magnate auf sich zu lenken.“ „Also, diese Leute entscheiden deiner
Meinung nach, was Qualität darstellen soll.“ „Aber natürlich ist für Anleger
und Investoren nur wichtig, wieviel Profit sie daraus ziehen können. Das
größte Problem besteht in gewisser Weise darin, dass ein Verbraucher nicht
auf allen Gebieten Fachmann sein kann, und deshalb oft nur Gutklingendes oder
Gutaussehendes kauft. Du beschäftigst dich mit Verträgen und Recht. Wenn ich
jetzt einen Vertrag unterschreibe, habe ich wahrscheinlich das gleiche
Problem, wie ein Nicht-Schriftsteller mit Literatur.“
Der Zug hielt, seine Haltestelle. Er stand auf,
legte seine Visitenkarte mit der Blogadresse neben sie auf den Sitz und ging
hinaus. Sie lächelte dankbar, als wollte sie sagen: „Wie gut, dass du mich
nicht angesprochen hast, weil ich so meine Arbeit beenden konnte, die ich für
die Besprechung brauche.“
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Monday, 22 February 2016
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Angst
Wer hat dieses Gefühl nicht schon einmal gehabt? Das Wort
kommt eigentlich von „eng“ = „die Enge“. Aber was ist das eigentlich und
wovor haben wir Angst?
Ich schätze, dass es zwei grundsätzliche Formen gibt: Die
eine, etwas zu verlieren und die andere vor dem Unbekannten.
Mit steigendem, ideellem oder mit Geld berechenbarem Wert
erhöht sich die Angst vor dem Verlust.
Bekannte Gefahren meistern wir, weil wir wissen, wie sie
funktionieren. Aber das Unbekannte ist uns nicht ganz geheuer. Wir wissen
nicht genau, wie es wirklich aussieht, wie es ist, wie es funktioniert, wie
man darauf reagieren sollte, woher es kommt, wann es kommt, wie es auf uns
wirkt.
Die Einstufung der Angstzustände ist dann Sache des
Soziologen, Psychologen oder Psychiaters.
Persönliche Ängste führen zu Gespanntheit, unüberlegten
Reaktionen oder Überreaktionen. Wächst der Grad der Angst über ein gewisses
Niveau hinaus, beginnt ein Hormonausschuss zum Beispiel von Adrenalin. Die
nächste Stufe ist der körperliche und geistige Zusammenbruch.
Gruppen und Gesellschaftsschichten reagieren aggressiver.
Mit dem Bewusstsein vereinter Kräfte und mehr oder weniger klugen oder lauten
Führern oder Schreihälsen beginnt die Suche nach Sündenböcken. Umso
allgemeiner die Angst ist, desto größere, angenommene Feindgruppen werden in
Angriff genommen. Selten richtet sich diese Angstwut gegen eine konkrete
Person.
Aber wie lassen sich Völkermord, wie der Holocaust,
Ereignisse in der Türkei am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, Taten der
Japaner während des zweiten Weltkrieges in den eroberten Gebieten, die Liste
ist fast unendlich lang, erklären. Ist dies wirklich Angst oder mehr das
berauschende Gefühl der Machtausübung, die keine Grenzen mehr kennt, weil die
Opfer zu schwach sind, um sich zu wehren, und die Umgebung die Augen
schließt, um nichts zu sehen, oder weil sie vor den Wütenden Angst haben?
Bei den Gorillas herrscht das stärkste männliche Tier
über alle. In alten Gesellschaften machte sich der Dorfstärkste alle anderen
untertan. Den Pharao interessierte es nicht sehr, dass Tausende bei dem Bau
seiner Pyramide umkamen. Der König eines Reiches schickte sein Volk in den
Krieg, hatte einen pompösen Hof, seine Untertanen mussten hohe Steuern
bezahlen, um ihn zu finanzieren, während sie selbst fast verhungerten. Aber
keiner wagte es, sich gegen den König aufzubäumen. Und die Geistlichkeit
bedrohte die Leute mit dem Verlust der Seele oder der Himmelfahrt im Falle
von Ungehorsam. Hier wird den Leuten Angst gemacht, um sie einzuschüchtern,
damit sie nicht versuchen, das bestehende Regime zu stürzen.
Wie wir sehen gibt es natürliche, begründete,
unbegründete Ängste und Leute, die einem Angst machen oder Angst machen
wollen. Das Problem mit letzteren ist meist, dass sie nicht fähig sind ihre
Macht richtig zu nutzen, damit es allen zum Vorteil erlangt. Sie kennen keine
Grenzen und nützen ihre Macht hemmungslos aus, weil sie denken, alles besser
zu wissen und andere führen zu müssen.
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Monday, 15 February 2016
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Raskolnikow
In seinem Buch „Schuld und Sünde“ beschreibt
Dostojewski unter anderem einen jungen Mann, der uns darauf aufmerksam macht,
dass große Dinge oder Leute nicht immer oder von Anfang an moralisch
gehandelt haben, aber dass die Geschichte sich im Allgemeinen nur mit dem
Endergebnis beschäftige. Und so fühlt auch er sich dazu berechtigt, seinen
Anfang mit einem Mord zu finanzieren. Moralisch aber kann er diese Schandtat,
im Gegensatz zu Wirklichkeit, doch nicht verarbeiten und verwickelt sich
immer mehr in seine Ausreden. Der Detektiv muss ihm eigentlich nur ganz genau
zuhören, weil er sich selbst verrät, vielleicht sogar verraten will.
Haben wir nicht irgendetwas oder irgendwen
vergessen? Welche Rolle spielt Sofia? Nur eine Nebenrolle? Wird Raskolnikow
vom Gericht verurteilt? Nur zum Freiheitsentzug, aber die moralische
Bestrafung übernimmt Sofia. Sie ist die Brücke zur Wirklichkeit, zum
gegenwärtigen Leben. Der Fortbestand der Menschheit hängt davon ab, wie viele
Kinder geboren werden und dazu müssen sich Männer und Frauen zuerst lieben und
die Frucht dieses Gefühls erzeugen. Die Frau spielt in dieser Geschichte die
Vorsicht und den Kompromiss mit der Zeit, weil diese für grundlegende
Änderungen noch nicht reif war. Die Frau, der Mensch wollte einfach überleben
und musste den Mann, den anderen Menschen, in die Wirklichkeit der
Gegebenheiten zurückholen. Aber beide hatten Recht, ohne das Drängen nach
vorn geht es nicht weiter und ohne die Vorsicht hat der Mensch keine Zeit,
reif zu werden, seine Freiheit zu erkämpfen. Aber manchmal muss der Mensch,
nach Meinung sehr vieler, einen Kompromiss eingehen und für eine Zeit seine
Grundsätze verraten oder zurückstellen.
Für Dostojewski war Sofia vielleicht der letzte
Hang, die letzte Verbindung zum Leben, den oder die er in seiner Erzählung
zum Ausdruck brachte.
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Saturday, 6 February 2016
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Die Anderen
Fürst: Ich muss unbedingt herausfinden, wodurch
andere Länder stärker sind, wie der Staatsapparat aufgebaut ist, wie das Heer
funktioniert.
Adliger am Hof: Wie ihr wünscht, mein Gebieter!
Ich werde getarnt versuchen, alles bei unseren Nachbarn zu erkunden.
Des Nachts begab er sich über die grüne Grenze,
musste darauf achten, auch von den eigenen Grenzsoldaten nicht gesehen zu
werden, weil es niemand erfahren sollte. Zu seiner Überraschung hatte das
Nachbarland gar keine Wachen aufgestellt. Hatten sie keine Angst, dass jemand
zum Feind überläuft? Er fühlte sich in seiner jetzigen Bekleidung nicht sehr
wohl. Sie war eine Kopie von dem, was man einem Gefangenen abgenommen hatte,
zwar bequem, aber er fühlte sie unter seinem Rang. Was würde er wohl noch
erleiden und ertragen müssen? Vielleicht noch mit einem Neger oder
Arbeitersklaven an einem Tisch zu sitzen?
Es war schon Vormittag, als er eine kleine
Grenzstadt erreichte. Viele Leute bewegten sich auf den Straßen, ohne
Ordnung, durcheinander, aber die meisten in Richtung eines großen Platzes. Er
hatte eigentlich nicht dorthin gehen wollen, wurde aber von der Masse
förmlich fortgeschwemmt. Als der Platz sich vor ihm öffnete, sah er Stand
neben Stand mit, hörte Händler und Händlerinnen laut ihre Waren anpreisen, Käufer,
die mit ihnen feilschten, manchmal auch harte, fast beleidigende Ausdrücke,
ein Drängeln von allen Seiten, dann einen Tumult, weil mehrere Leute sich
nicht einigen konnten und die Kraft der Fäuste als Argument benutzten,
irgendwo wurde ein Taschendieb gefasst. Was für ein Durcheinander! – dachte
sich unser geheimer Kundschafter.
Am anderen Ende des Platzes erblickte er ein
stattliches Gebäude mit einem großen Tor. Er näherte sich. Dies schien das
Bürgermeisteramt zu sein. Er wunderte sich, dort keine Wachen zu sehen und
ging hinein. Verschiedene Aufschriften machten ihn darauf aufmerksam, wo sich
was befand. Er öffnete eine höhere Tür und trat ein. Es sah wie ein
Gerichtssaal aus. Ein Mann im schwarzen Gewand sprach gerade Recht: Gesetze
sind Bestimmungen der Maßnahmen bei Übertretung von Vorschriften.
„Sonderbar!“ – dachte unser Held. „Bei uns ist es ein Mittel der Erziehung.
Wenn die nämlich keine Vorschriften haben, werden die wild. Wahrlich halten
sich die Leute bei uns meist nur daran, weil sie Angst vor der Strafe haben,
aber unter Umständen gewöhnen sie sich auch daran. Aber wer das Gesetz nur
einhält, weil er sich davor fürchtet, hat eigentlich keine Grundsätze!“
Bald plagte ihn der Hunger, hatte er doch seit Verlassen
des Hofes nichts gegessen und getrunken. Er begab sich in eine Wirtschaft.
Sie war ziemlich voll, so dass er nur einen Stehplatz bekam. „Warum arbeiten
diese Leute nichts?“ „Selbstbedienung!“ - las er auf einem Schild an der
Wand. Von einem Tisch nahm er Teller, Besteck und Glas, und ließ sich von dem
schönen Mädchen hinter der Theke Bier und Wildbrett geben. „Für so eine
Kneipe essen die Leute hier ganz gut.“ Während er gierig die letzten Brocken
verschlang, fand das Gespräch seiner Tischnachbarn den Weg in sein Ohr. Sie
stammten aus verschiedenen Ländern, das ließ sich aus ihrer Aussprache
vernehmen. Jeder lobte sein eigenes Land, aber musste sich auch die Kritik
der anderen anhören. Doch am Ende stießen sie mit Bierkrügen und Weingläsern
an, und einigten sich darüber, dass sie ja gemeinsam den Großfürsten besiegt
hatten. Geschichtsverständnis als Ergebnis von Gedankenaustausch! Hier schoss
es unserem Kundschafter durch den Kopf, dass sein Fürst fast alle unterdrückt
hätte, wären sie nicht zusammen gegen ihn aufgetreten. Geschichte wurde hier
nicht nach dem Standpunkt eines einzelnen geschrieben. Als er hinausging
legte er das Geld für Speise und Trank in einen Behälter neben der Tür und
war verwundert, dass es niemand kontrollierte. Aber er wollte nichts
riskieren und zahlte genau, weil er doch nicht auffallen wollte.
Er war beruhigt, keinerlei Papiere vorlegen zu
müssen, um ein Zimmer zu nehmen. Auf diese Weise würde keiner erfahren, dass
sich ein Spion hier befand. „Die lieben ihre Freiheit so sehr, dass sie ihre
Sicherheit vernachlässigen. Oder denken die vielleicht: Wer nichts zu
verstecken hat, muss sich auch vor der Freiheit nicht fürchten?“
Am nächsten Tag, am Sonntag waren die Leute
genauso geschäftig, wie an anderen Wochentagen. „Vielleicht sollte man die
lieber in die Kirche schicken, um für den Fürsten zu beten und zu hören, wie
man moralisch lebt.“ Er ging ein paar Meter, als ihn ein Kind am Arm zerrte.
Er drehte sich herum, das Kind drückte ihm sein reich besticktes, seidenes
Taschentuch in die Hand, das aus seiner Tasche gefallen war. Schnell steckte
er es in seine Jacke. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein! Das Wappen
darauf hätte ihn verraten können.
Obwohl er keine staatlichen Arbeitskommandos sah,
musste er feststellen, dass die Straßen und Parkanlagen sauber und gepflegt
waren. Er bemerkte auch nirgendwo ein Schild mit der Aufschrift „Staatliche
….“, „Nationale …..“ oder „Städtische ……“. Sollte hier wirklich alles nur in
privaten Händen liegen. Auch auf dem größten Platz in der Hauptstadt gab es
nicht einmal einen Galgen oder eine Guillotine. Fehlte es hier an
Schwerverbrechern oder half nicht einmal mehr das Mittel der Abschreckung?
Diese Welt erschien ihm immer merkwürdiger!
Auf seinem Weg durch die Hauptstadt kam er auch
an vielen Gebäuden vorbei, die keine Wohnhäuser oder Geschäfte waren.
„Waisenheim“ stand auf einem Schild. In seinem Land machte man daraus
Nachwuchs für die Armee, das beste Kanonenfutter. „Schule für alle!“ – las er
auf einem anderen. „Was für ein Aberwitz! Die würden dann vielleicht auch
noch ein Selbstbewusstsein entwickeln, wären ungehorsam und ließen sich nicht
mehr dirigieren.“ „Armenkrankenhaus“ Jetzt wurde es ihm zu viel. Wie konnten
die das alles finanzieren? Oder dachten die, dass es sich lohne, auch die
weniger qualifizierten Arbeitskräfte gesund zu erhalten, weil sie dann mehr
leisten könnten?
Vor einem Amt standen Leute Schlange, darüber
eine Aufschrift: „Wahlbüro“. „Um zu wählen, muss man doch zuerst wissen, was
man will. Und das wisse doch der Fürst am besten. Ein Führer, ein Staat, ein
Land. Der Regierungschef soll ein Diener des Volkes sein?“
Nach einer Woche kehrte er in den Palast zurück.
Aber als der Fürst sich von ihm darüber aufklären lassen wollte, warum diese
anderen stärker waren, als sein mit einem Willen geführter Staat, wusste er
nichts zu antworten, weil er einfach nichts verstanden hatte. Diese
Demokratien hatten sogar ihren Nationalismus vergessen und sich verbündet, um
ihre Freiheit zu erhalten.
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Friday, 22 January 2016
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Ein Gott war gestorben
Als er vor zwanzig Jahren geboren wurde, fing man
an, ein Grab für ihn zu bauen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft musste an den
Arbeiten teilnehmen. Was für eine Organisation, wenn dreißigtausend Leute wie
eine Maschine zusammenhelfen! Nach den großen Überschwemmungen des Flusses
musste auf den Feldern zuerst gesät werden, dann kamen alle zum Bau zurück,
um während der Erntezeit wieder auf den Feldern geschäftig zu sein.
Die Arbeiten begannen früh am Morgen, wenn die
Sonne noch nicht so hoch stand, um die Mittagszeit kehrten alle zu ihren
Zelten zurück, am Nachmittag ging es dann weiter. Für ihre Verpflegung
mussten sie selbst sorgen, jeder opferte sich für den Gott.
In der Wüste gab es keine Steine, sie mussten aus
den Bergwerken von weit her auf Schiffen den Fluss hinunter zum Bauplatz
gebracht werden. Manchmal fiel so ein tonnenschwerer Steinblock und
zerquetschte zehn oder zwanzig Arbeiter unter sich, dann wurde eine neue
Gruppe gerufen, nach ein paar Stunden ging es weiter, der gewichtige Block
wurde auf das Baugelände gebracht. Um die Toten kümmerten sich die Geier,
eine saubere Müllabfuhr, kein Knöchelchen blieb liegen.
Das Ziel war klar, das Grab musste vor dem Tod
des unsterblichen Gottes fertig sein. Wenn er länger lebte, wurde
ausgebessert und verschönert. Die Pläne für das Innere des Grabes waren
geheim, die Architekten und Arbeiter, die an dessen Konstruktion teilnahmen,
wurden später getötet, um eine Plünderung zu verhindern.
Manchmal ritt der junge Gott an seinem eigenen
Grab vorbei, um die Fortschritte der Arbeiten zu beobachten.
Der Sohn des noch lebenden Gottes wurde geboren,
und so begann man sofort mit einem neuen Grab. Ein neuer Gott? War die Welt
nicht zu Ende, wenn ein Gott starb? Nun sollte es plötzlich weitergehen?
Der Held unserer Geschichte hieß Schakal. Er war
am gleichen Tag geboren, wie der Gott, und deshalb ausgewählt worden, den
Gott lebendig in sein Grab zu begleiten, um ihm im Jenseits zu dienen.
Während seiner Kindheit passte jeder im Dorf auf ihn auf, und niemand
bestrafte ihn, wenn er etwas ausgefressen hatte. In seiner Jugend brachte ihn
dann ein Priester weg von seinem Dorf in ein Kloster, wo er auf die kommenden
Aufgaben vorbereitet werden sollte. Als er fünfundzwanzig Jahre alt war,
starb der unsterbliche Gott und deshalb brachte man unseren Helden mit
anderen seinesgleichen auf einem kleinen Schiff den Fluss hinunter, um
zusammen mit dem Toten lebendig begraben zu werden.
Der Wasserstand war zu dieser Zeit des Jahres
sehr niedrig, deshalb musste das Schiff mehrmals aus Sandbänken befreit
werden. Dann wurde der Fluss endlich breiter und man hielt sich in der Mitte.
Ruhig plätscherte das Wasser dahin. Diese Sorgenlosigkeit machte auch den
Steuermann schläfrig, die Krokodile am Ufer wärmten sich in der Sonne. Als
die Blicke unseres Helden so unbekümmert im nassen Element verschwanden, gab
es plötzlich einen lauten Krach. Das Schiff war auf ein Riff gelaufen und
sank in rasender Schnelle. Dies machte auch die Krokodile aufmerksam, langsam
bewegten sie sich ins Wasser. Ein unerwartetes Mittagessen oder eine Gabe
Gottes? Die Reisenden sprangen ins Wasser. Aber in welche Richtung sollten
sie schwimmen? Von überallher kamen die Hungrigen. Vielleicht hätten viele
mehr eine Überlebenschance gehabt, wenn sie zusammen in eine Richtung
geflohen wären, weil die Tiere aus dieser Richtung nicht alle Menschen hätten
schnappen können.
Als unser Held wieder aufwachte, lag er in einem
Boot und hörte Hilferufe und das Schlagen der Paddel, mit denen man
versuchte, die aufdringlichen Tiere fernzuhalten. Er kannte diese Leute
nicht, die er da sah, wusste nicht, woher sie so plötzlich gekommen waren.
Nach ein paar Minuten wurde das Ufer erreicht. Von dem Schiff und seiner
Besatzung zeugte nicht die kleinste Spur.
Wer hatte ihn gerettet? Es waren Vogelfreie, die
eigentlich das Schiff ausrauben wollten. Jetzt war er ihr Gefangener, er
würde für sie arbeiten müssen, bis sie ihn in irgendeiner Siedlung als Sklave
verkaufen. Als er ihnen erzählen musste, warum er auf dem Schiff war,
fluchten sie fürchterlich, weil die Schätze für die Grabkammer versunken
waren, aber fügten gleichzeitig lachend hinzu, dass unser Held Glück gehabt
habe, weil er jetzt nicht lebend begraben würde, sondern weiterleben könne.
Was diese Gottlosen hier aussprachen, war für ihn unverständlicher Blödsinn.
Hatte er sich nicht sein ganzes Leben darauf vorbereitet, dem Herrscher und
Gott im Jenseits zu dienen?
Als Gefangener nahm er mit den Gesetzlosen seinen
Weg durch den Urwald. Er musste für sie Holz sammeln, Feuer machen und
kochen. Nach ein paar Tagen kamen sie zu einem kleinen Kloster, das sie
angriffen und ausraubten. Auch einige Gräber fielen ihnen zum Opfer. Sie
verkauften die ergatterten Schmuckstücke und Sklaven meist an reiche
Wüstennomaden, die mit dem Flussvolk in ständigem Konflikt standen.
Unser Held musste jetzt Kamele hüten und beim
Zeltauf- und –abbau helfen. An Flucht war nicht zu denken, weil er alleine in
der Wüste umgekommen wäre. Sie zogen von Oase zu Oase. Eigentlich wusste er
nicht, wo er war. Und langsam gewöhnte er sich daran, weiterzuleben, erlernte
die Sprache und Sitten dieses fremden Volkes, von dem man ihm so viel
Schlechtes erzählt hatte.
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Sunday, 17 January 2016
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Was ist das größte Problem für die Zukunft Europas?
Nach der Hysterie des Jahres 2015 ist mancher geneigt die
Einwanderung großer Massen aus Asien und Afrika nach Europa, und den damit in
Verbindung gebrachten, islamistischen Terrorismus zum größten Problemkomplex
zu erklären.
Ein kleiner Überblick über die Geschichte Europas des zwanzigsten
Jahrhunderts hingegen zeigt sofort, dass hier aus einer Ameise ein Elefant
gemacht wurde. Während des ersten Weltkrieges gab es achtunddreißig Millionen
Tote und zwanzig Millionen Flüchtlinge, im zweiten Weltkrieg achtzig
Millionen Tote und dreißig Millionen Flüchtlinge, im Krieg in Jugoslawien
hundertvierzigtausend Tote und vier Millionen Flüchtlinge.
Auch mit dem Terrorismus steht es nicht besser. Angefangen beim
Mord des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo 1914 über ETA im
Baskenland, IRA in Nordirland, die Roten Brigaden in Italien, oder die
RAF-Gruppe in Deutschland.
Wie jeder aus dem aufgezählten Sachverhalt erkennen kann, ist es
die Aufgabe in Europa ein vereinigtes, liberales Staatsgebilde aufzubauen, um
neue, europäische Kriege zu verhindern.
Was waren die Ursachen, oder besser die Gründe dieser drei
blutigen Großkonflikte? Nationalismus und Religion, weil diese Denkrichtungen
immer zur Unterdrückung anderer Ethnien oder Glaubensgruppen führen.
Geschehnisse, wie der Holocaust, die kein jüdisches, sondern ein
europäisches Drama darstellen, weil es im zwanzigsten Jahrhundert noch
möglich war, dass so etwas passieren konnte, müssten jedem die Augen öffnen.
Der rechtsgerichtete Populismus Le Pens, Jörg Heiders, Orbáns, Katschinskis
oder verschiedener, neuer neonazistischer, neofaschistischer Gruppierungen
geht unweigerlich auf Intoleranz und Konfrontation verschiedener Ethnien
hinaus.
Europa war auch nie einheitlich christlich. Außer
protestantischen, katholischen, orthodoxen Richtungen gab es eine Vielfalt
von Sekten. Ein großer Teil der Symbole und Feiertage ist heidnischer
Herkunft.
Die Spieler/Sportler europäischer zum Beispiel
Fußballmannschaften sind größtenteils asiatischer, afrikanischer oder
südamerikanischer Abstammung. Europa hat nur dann eine Zukunft, wenn sie auch
weiterhin fähig ist, neue kulturelle Einflüsse einzubauen, Ideen und neuen
Schwung anderer Ethnien zu integrieren.
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Der reiche Dumme und der arme Wissenschaftler
rD: Du hast den Ruf, viel zu wissen. Erkläre mir bitte, warum ich
sehe, dass die Sonne im Osten auf und im Westen untergeht.
aW: Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse, aber weil du auf
der Erde stehst und nicht merkst, wie du dich mit ihr bewegst, scheint es
dir, als ob die Sonne sich bewegen würde.
rD: Das ist sehr interessant. Ich habe vor ein paar Jahren über
meinen Schwager vom König das Recht erhalten, alle Hotels in der Stadt zu
betreiben. Und seit dieser Zeit warte ich immer darauf, dass die Sonne
untergeht, weil sich dann die Kassen in meinen Hotels füllen.
aW: Ich weiß, ich bin dein Buchhalter, zähle dein Geld, trage die
Beträge in die Bücher ein und sage dir, wie hoch die Ausgaben sind, oder
wieviel Geld für dich in der Kasse bleibt.
rD: Und wie kommt das Getreide in meine Mühlen, für deren Betrieb
ich das Recht beim Fürsten kaufte?
aW: Aus jedem Kern und Korn entspringt ein Spross, der sich dann
vom Wasser, Boden und Sonnenlicht ernährt.
rD: Du möchtest also sagen, dass ich mich auch darüber freuen
soll, wenn die Sonne scheint!
aW: Natürlich!
rD: Wir sind das Beste, was Gott geschaffen hat und befinden uns
deshalb im Mittelpunkt der Welt. Alles kreist um uns. Auch die menschliche
Gesellschaft hat Gott so eingerichtet. Im Mittelpunkt stehen der König und
die geistlichen Würdenträger, dann kommt der Adel, später die von der Gnade
des Fürsten erhobenen Geschäftsleute, wie ich. Die nächste Runde bilden vielleicht
solche ärmlichen Wisser, wie du. Ganz am Rand haben wir die dummen Bauern und
Schweinehirten.
aW: Entschuldigung! Ich muss dich korrigieren. Die Sonne ist der
Mittelpunkt und die Erde kreist fast in am Rand, ist außerdem ziemlich klein.
rD: Das kann nicht sein! Gott habe sein bestes Werk, den Menschen
in der Abstellkammer vergessen. Am Ende wirst du Einfallspinsel mir noch
behaupten, das Gott nichts geschöpft habe, dass es ihn überhaupt nicht gebe,
dass wir Demokratie brauchen. Eine Volksregierung ist immer schwach, das Land
benötigt eine starke Hand. Da waren die Griechen, die sich zerstritten, dann
kamen die Römer und schufen ein Weltreich.
aW: Ging es wohl dem kleinen Mann bei den Kaisern besser, als bei
den freien Griechen?
rD: Frei? Die kleinen Leute, wie du sie nennst, der Pöbel! Sie
haben keine Kultur und benehmen sich wie Zigeuner. Sie brauchen einen Führer,
sonst können sie keine Kriege gewinnen. In den Geschichtsbüchern gibt es
Bauern nur als Soldaten und Weiber nur als Ehefrau und Mutter. Wehe dem Tag,
an dem Gott verleugnet und der König geköpft wird, dann beginnt das Chaos.
Deshalb müssen wir, die Elite und die Kirche darauf achten, den heutigen
Zustand zu bewahren.
Anhang: Lieber Leser, der du in der Zukunft und in Demokratie
lebst, beurteile selbst, wo du lieber leben würdest! In der alten Ordnung?
Oder im modernen Chaos?
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