Monday, 22 February 2016

151) Die neue Bekanntschaft
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Die neue Bekanntschaft

Eine halbe Stunde vor der Abfahrt stand der Zug schon auf dem Gleis. Er suchte sich einen Wagon ganz hinten aus, weil er die Erfahrung gemacht hatte, dass dort weniger Leute einsteigen. Im Zug war noch niemand, also ließ er sich in einem Abteil nieder. Das neue Buch in seiner Tasche wartete darauf, gelesen zu werden. Er packte Kaffee, Kekse und Zigaretten aus, schaltete das Licht ein und machte es sich gemütlich. Was für eine Ruhe! Ein drittel des Buches könnte beendet werden.
Der Zug fuhr schon eine Stunde. Er kam mit seinem Buch gut voran, vor allem, weil sich niemand in seinem Abteil eingefunden hatte, selbst den Schaffner hatte er nicht bemerkt, als dieser an seiner Tür vorbeiging. Der Beamte kannte ihn schon seit Jahren und wollte ihn nicht beim Lesen stören. Plötzlich öffnete sich seine Tür, er sah auf, das Buch hatte sowieso nicht gehalten, was es versprochen hatte, er hätte noch ein anderes mitnehmen sollen. Er schaute in ein gelangweiltes, aber nicht unschönes Gesicht. Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, er machte ihr auf der Ablage Platz, wofür sie sich mit einem dürftigen Kopfnicken bedankte und eine Akte aus der Tasche zog.
Es mussten Verträge sein, sie korrigierte hier und da einige Sätze. Der Stoß auf ihrem Schoß war dick, sie vertiefte sich in ihre Arbeit. Sein Buch war so langweilig, wie ihr Gesicht gelangweilt. Wenn der Zug neben einem Wald vorbeifuhr, der einen dunklen Hintergrund bildete, entstand im Fenster ein Spiegel. Er konnte sie sehen, ohne sie direkt anschauen zu müssen. In diesem undeutlichen Spiegelbild erschien sie geheimnisvoll. Warum hatte sie sich gerade in sein Abteil gesetzt?
Ihr Stift fiel auf den Boden und schnell bückte er sich, um ihn aufzuheben. Als er ihn ihr in die Hand legte, schaute er in ihr trauriges Gesicht. Die ersten Worte lagen ihm auf der Zunge: „Mein Name ist Peter.“ „Laura!“ – antwortete sie. „Sind die Dokumente so langweilig, wie mein Buch, weil ich schon eine ganze Weile aus dem Fenster schaue?“ „Wir sind Meister auf dem Gebiet, die Zeit totzuschlagen!“ „Ich lese eigentlich sehr gern, aber dieses Buch ist nicht gerade das, was ich mir unter seinem Titel und dem Autor vorgestellt hätte.“ „Meine Arbeit füllt einen großen Teil meiner Zeit aus, und dabei bin ich mir nicht immer sicher, ob ich das auch wirklich will.“ Ein Wort gab das andere, ein Gedanke reihte sich an den anderen.
„Arbeitest du viel?“ „Wenn man Karriere machen will, bleibt einem nichts anderes übrig. Und was machst du, wenn du Zeit hast, Bücher nach deinem Geschmack zu lesen, oder dich auf die faule Haut zu legen?“ „Ich bin Schriftsteller.“ „Hm! Ein richtiger Schriftsteller? Was ist bisher von dir erschienen?“ „Ich veröffentliche nicht über Verlage. Auf meinem Blog kann man alles lesen.“ „Aber dadurch verdienst du doch kein Geld, nicht wahr?“ „Solange man unbekannt ist, verdient man auch nichts. Im Allgemeinen verkauft man das Autorenrecht an einen Verlag. Wenn man Glück hat, und noch einen zweiten Kassenschlager schreibt, bekommt man ein wenig mehr. Aber grundsätzlich wird vorgeschrieben, was der Autor komponieren soll. Die Werbung ist sozusagen das Wichtigste! Ein Beispiel aus der Musik: Kennst du Frank Zappa?“ „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich seinen Namen nicht schon einmal gehört habe.“ „Er war einer der größten Musiker des zwanzigsten Jahrhunderts, aber da er zu aufwieglerisch war, versuchte man ihn Mundtot zu machen. Danach gründete er seine eigene Plattenfirma. Leider fehlte ihm natürlich das Verteilernetz. Er hatte keine eigenen Plattengeschäfte oder Zeitungen und Werbefirmen, deshalb ist er eigentlich fast nur unter Liebhabern bekannt.“ „Du möchtest also damit sagen, dass wir auch bei Büchern an der Nase herumgeführt werden und nicht lesen, was wirklich gut ist?“ „Sehr richtig! Trends und Mode werden mehr oder weniger gemacht. Wir sind nur die dummen Verbraucher, die kaufen, was es auf dem Markt gibt. Meist wird irgendetwas hervorgehoben, was dann überall erscheint. Nur sehr selten gelingt es einem wirklichen Talent die Aufmerksamkeit der Firmen- und Medien-Magnate auf sich zu lenken.“ „Also, diese Leute entscheiden deiner Meinung nach, was Qualität darstellen soll.“ „Aber natürlich ist für Anleger und Investoren nur wichtig, wieviel Profit sie daraus ziehen können. Das größte Problem besteht in gewisser Weise darin, dass ein Verbraucher nicht auf allen Gebieten Fachmann sein kann, und deshalb oft nur Gutklingendes oder Gutaussehendes kauft. Du beschäftigst dich mit Verträgen und Recht. Wenn ich jetzt einen Vertrag unterschreibe, habe ich wahrscheinlich das gleiche Problem, wie ein Nicht-Schriftsteller mit Literatur.“
Der Zug hielt, seine Haltestelle. Er stand auf, legte seine Visitenkarte mit der Blogadresse neben sie auf den Sitz und ging hinaus. Sie lächelte dankbar, als wollte sie sagen: „Wie gut, dass du mich nicht angesprochen hast, weil ich so meine Arbeit beenden konnte, die ich für die Besprechung brauche.“

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150) Written by Rainer: rainer.lehrer@yahoo.com
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Angst
 
Wer hat dieses Gefühl nicht schon einmal gehabt? Das Wort kommt eigentlich von „eng“ = „die Enge“. Aber was ist das eigentlich und wovor haben wir Angst?
Ich schätze, dass es zwei grundsätzliche Formen gibt: Die eine, etwas zu verlieren und die andere vor dem Unbekannten.
Mit steigendem, ideellem oder mit Geld berechenbarem Wert erhöht sich die Angst vor dem Verlust.
Bekannte Gefahren meistern wir, weil wir wissen, wie sie funktionieren. Aber das Unbekannte ist uns nicht ganz geheuer. Wir wissen nicht genau, wie es wirklich aussieht, wie es ist, wie es funktioniert, wie man darauf reagieren sollte, woher es kommt, wann es kommt, wie es auf uns wirkt.
Die Einstufung der Angstzustände ist dann Sache des Soziologen, Psychologen oder Psychiaters.
Persönliche Ängste führen zu Gespanntheit, unüberlegten Reaktionen oder Überreaktionen. Wächst der Grad der Angst über ein gewisses Niveau hinaus, beginnt ein Hormonausschuss zum Beispiel von Adrenalin. Die nächste Stufe ist der körperliche und geistige Zusammenbruch.
Gruppen und Gesellschaftsschichten reagieren aggressiver. Mit dem Bewusstsein vereinter Kräfte und mehr oder weniger klugen oder lauten Führern oder Schreihälsen beginnt die Suche nach Sündenböcken. Umso allgemeiner die Angst ist, desto größere, angenommene Feindgruppen werden in Angriff genommen. Selten richtet sich diese Angstwut gegen eine konkrete Person.
Aber wie lassen sich Völkermord, wie der Holocaust, Ereignisse in der Türkei am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, Taten der Japaner während des zweiten Weltkrieges in den eroberten Gebieten, die Liste ist fast unendlich lang, erklären. Ist dies wirklich Angst oder mehr das berauschende Gefühl der Machtausübung, die keine Grenzen mehr kennt, weil die Opfer zu schwach sind, um sich zu wehren, und die Umgebung die Augen schließt, um nichts zu sehen, oder weil sie vor den Wütenden Angst haben?
Bei den Gorillas herrscht das stärkste männliche Tier über alle. In alten Gesellschaften machte sich der Dorfstärkste alle anderen untertan. Den Pharao interessierte es nicht sehr, dass Tausende bei dem Bau seiner Pyramide umkamen. Der König eines Reiches schickte sein Volk in den Krieg, hatte einen pompösen Hof, seine Untertanen mussten hohe Steuern bezahlen, um ihn zu finanzieren, während sie selbst fast verhungerten. Aber keiner wagte es, sich gegen den König aufzubäumen. Und die Geistlichkeit bedrohte die Leute mit dem Verlust der Seele oder der Himmelfahrt im Falle von Ungehorsam. Hier wird den Leuten Angst gemacht, um sie einzuschüchtern, damit sie nicht versuchen, das bestehende Regime zu stürzen.
Wie wir sehen gibt es natürliche, begründete, unbegründete Ängste und Leute, die einem Angst machen oder Angst machen wollen. Das Problem mit letzteren ist meist, dass sie nicht fähig sind ihre Macht richtig zu nutzen, damit es allen zum Vorteil erlangt. Sie kennen keine Grenzen und nützen ihre Macht hemmungslos aus, weil sie denken, alles besser zu wissen und andere führen zu müssen.
 
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Monday, 15 February 2016

149) Written by Rainer: rainer.lehrer@yahoo.com
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Raskolnikow

In seinem Buch „Schuld und Sünde“ beschreibt Dostojewski unter anderem einen jungen Mann, der uns darauf aufmerksam macht, dass große Dinge oder Leute nicht immer oder von Anfang an moralisch gehandelt haben, aber dass die Geschichte sich im Allgemeinen nur mit dem Endergebnis beschäftige. Und so fühlt auch er sich dazu berechtigt, seinen Anfang mit einem Mord zu finanzieren. Moralisch aber kann er diese Schandtat, im Gegensatz zu Wirklichkeit, doch nicht verarbeiten und verwickelt sich immer mehr in seine Ausreden. Der Detektiv muss ihm eigentlich nur ganz genau zuhören, weil er sich selbst verrät, vielleicht sogar verraten will.
Haben wir nicht irgendetwas oder irgendwen vergessen? Welche Rolle spielt Sofia? Nur eine Nebenrolle? Wird Raskolnikow vom Gericht verurteilt? Nur zum Freiheitsentzug, aber die moralische Bestrafung übernimmt Sofia. Sie ist die Brücke zur Wirklichkeit, zum gegenwärtigen Leben. Der Fortbestand der Menschheit hängt davon ab, wie viele Kinder geboren werden und dazu müssen sich Männer und Frauen zuerst lieben und die Frucht dieses Gefühls erzeugen. Die Frau spielt in dieser Geschichte die Vorsicht und den Kompromiss mit der Zeit, weil diese für grundlegende Änderungen noch nicht reif war. Die Frau, der Mensch wollte einfach überleben und musste den Mann, den anderen Menschen, in die Wirklichkeit der Gegebenheiten zurückholen. Aber beide hatten Recht, ohne das Drängen nach vorn geht es nicht weiter und ohne die Vorsicht hat der Mensch keine Zeit, reif zu werden, seine Freiheit zu erkämpfen. Aber manchmal muss der Mensch, nach Meinung sehr vieler, einen Kompromiss eingehen und für eine Zeit seine Grundsätze verraten oder zurückstellen.
Für Dostojewski war Sofia vielleicht der letzte Hang, die letzte Verbindung zum Leben, den oder die er in seiner Erzählung zum Ausdruck brachte.

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Saturday, 6 February 2016

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Die Anderen

Fürst: Ich muss unbedingt herausfinden, wodurch andere Länder stärker sind, wie der Staatsapparat aufgebaut ist, wie das Heer funktioniert.
Adliger am Hof: Wie ihr wünscht, mein Gebieter! Ich werde getarnt versuchen, alles bei unseren Nachbarn zu erkunden.
Des Nachts begab er sich über die grüne Grenze, musste darauf achten, auch von den eigenen Grenzsoldaten nicht gesehen zu werden, weil es niemand erfahren sollte. Zu seiner Überraschung hatte das Nachbarland gar keine Wachen aufgestellt. Hatten sie keine Angst, dass jemand zum Feind überläuft? Er fühlte sich in seiner jetzigen Bekleidung nicht sehr wohl. Sie war eine Kopie von dem, was man einem Gefangenen abgenommen hatte, zwar bequem, aber er fühlte sie unter seinem Rang. Was würde er wohl noch erleiden und ertragen müssen? Vielleicht noch mit einem Neger oder Arbeitersklaven an einem Tisch zu sitzen?
Es war schon Vormittag, als er eine kleine Grenzstadt erreichte. Viele Leute bewegten sich auf den Straßen, ohne Ordnung, durcheinander, aber die meisten in Richtung eines großen Platzes. Er hatte eigentlich nicht dorthin gehen wollen, wurde aber von der Masse förmlich fortgeschwemmt. Als der Platz sich vor ihm öffnete, sah er Stand neben Stand mit, hörte Händler und Händlerinnen laut ihre Waren anpreisen, Käufer, die mit ihnen feilschten, manchmal auch harte, fast beleidigende Ausdrücke, ein Drängeln von allen Seiten, dann einen Tumult, weil mehrere Leute sich nicht einigen konnten und die Kraft der Fäuste als Argument benutzten, irgendwo wurde ein Taschendieb gefasst. Was für ein Durcheinander! – dachte sich unser geheimer Kundschafter.
Am anderen Ende des Platzes erblickte er ein stattliches Gebäude mit einem großen Tor. Er näherte sich. Dies schien das Bürgermeisteramt zu sein. Er wunderte sich, dort keine Wachen zu sehen und ging hinein. Verschiedene Aufschriften machten ihn darauf aufmerksam, wo sich was befand. Er öffnete eine höhere Tür und trat ein. Es sah wie ein Gerichtssaal aus. Ein Mann im schwarzen Gewand sprach gerade Recht: Gesetze sind Bestimmungen der Maßnahmen bei Übertretung von Vorschriften. „Sonderbar!“ – dachte unser Held. „Bei uns ist es ein Mittel der Erziehung. Wenn die nämlich keine Vorschriften haben, werden die wild. Wahrlich halten sich die Leute bei uns meist nur daran, weil sie Angst vor der Strafe haben, aber unter Umständen gewöhnen sie sich auch daran. Aber wer das Gesetz nur einhält, weil er sich davor fürchtet, hat eigentlich keine Grundsätze!“
Bald plagte ihn der Hunger, hatte er doch seit Verlassen des Hofes nichts gegessen und getrunken. Er begab sich in eine Wirtschaft. Sie war ziemlich voll, so dass er nur einen Stehplatz bekam. „Warum arbeiten diese Leute nichts?“ „Selbstbedienung!“ - las er auf einem Schild an der Wand. Von einem Tisch nahm er Teller, Besteck und Glas, und ließ sich von dem schönen Mädchen hinter der Theke Bier und Wildbrett geben. „Für so eine Kneipe essen die Leute hier ganz gut.“ Während er gierig die letzten Brocken verschlang, fand das Gespräch seiner Tischnachbarn den Weg in sein Ohr. Sie stammten aus verschiedenen Ländern, das ließ sich aus ihrer Aussprache vernehmen. Jeder lobte sein eigenes Land, aber musste sich auch die Kritik der anderen anhören. Doch am Ende stießen sie mit Bierkrügen und Weingläsern an, und einigten sich darüber, dass sie ja gemeinsam den Großfürsten besiegt hatten. Geschichtsverständnis als Ergebnis von Gedankenaustausch! Hier schoss es unserem Kundschafter durch den Kopf, dass sein Fürst fast alle unterdrückt hätte, wären sie nicht zusammen gegen ihn aufgetreten. Geschichte wurde hier nicht nach dem Standpunkt eines einzelnen geschrieben. Als er hinausging legte er das Geld für Speise und Trank in einen Behälter neben der Tür und war verwundert, dass es niemand kontrollierte. Aber er wollte nichts riskieren und zahlte genau, weil er doch nicht auffallen wollte.
Er war beruhigt, keinerlei Papiere vorlegen zu müssen, um ein Zimmer zu nehmen. Auf diese Weise würde keiner erfahren, dass sich ein Spion hier befand. „Die lieben ihre Freiheit so sehr, dass sie ihre Sicherheit vernachlässigen. Oder denken die vielleicht: Wer nichts zu verstecken hat, muss sich auch vor der Freiheit nicht fürchten?“
Am nächsten Tag, am Sonntag waren die Leute genauso geschäftig, wie an anderen Wochentagen. „Vielleicht sollte man die lieber in die Kirche schicken, um für den Fürsten zu beten und zu hören, wie man moralisch lebt.“ Er ging ein paar Meter, als ihn ein Kind am Arm zerrte. Er drehte sich herum, das Kind drückte ihm sein reich besticktes, seidenes Taschentuch in die Hand, das aus seiner Tasche gefallen war. Schnell steckte er es in seine Jacke. Wie konnte er nur so unvorsichtig sein! Das Wappen darauf hätte ihn verraten können.
Obwohl er keine staatlichen Arbeitskommandos sah, musste er feststellen, dass die Straßen und Parkanlagen sauber und gepflegt waren. Er bemerkte auch nirgendwo ein Schild mit der Aufschrift „Staatliche ….“, „Nationale …..“ oder „Städtische ……“. Sollte hier wirklich alles nur in privaten Händen liegen. Auch auf dem größten Platz in der Hauptstadt gab es nicht einmal einen Galgen oder eine Guillotine. Fehlte es hier an Schwerverbrechern oder half nicht einmal mehr das Mittel der Abschreckung? Diese Welt erschien ihm immer merkwürdiger!
Auf seinem Weg durch die Hauptstadt kam er auch an vielen Gebäuden vorbei, die keine Wohnhäuser oder Geschäfte waren. „Waisenheim“ stand auf einem Schild. In seinem Land machte man daraus Nachwuchs für die Armee, das beste Kanonenfutter. „Schule für alle!“ – las er auf einem anderen. „Was für ein Aberwitz! Die würden dann vielleicht auch noch ein Selbstbewusstsein entwickeln, wären ungehorsam und ließen sich nicht mehr dirigieren.“ „Armenkrankenhaus“ Jetzt wurde es ihm zu viel. Wie konnten die das alles finanzieren? Oder dachten die, dass es sich lohne, auch die weniger qualifizierten Arbeitskräfte gesund zu erhalten, weil sie dann mehr leisten könnten?
Vor einem Amt standen Leute Schlange, darüber eine Aufschrift: „Wahlbüro“. „Um zu wählen, muss man doch zuerst wissen, was man will. Und das wisse doch der Fürst am besten. Ein Führer, ein Staat, ein Land. Der Regierungschef soll ein Diener des Volkes sein?“
Nach einer Woche kehrte er in den Palast zurück. Aber als der Fürst sich von ihm darüber aufklären lassen wollte, warum diese anderen stärker waren, als sein mit einem Willen geführter Staat, wusste er nichts zu antworten, weil er einfach nichts verstanden hatte. Diese Demokratien hatten sogar ihren Nationalismus vergessen und sich verbündet, um ihre Freiheit zu erhalten.

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Friday, 22 January 2016

147) Written by Rainer: rainer.lehrer@yahoo.com
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Ein Gott war gestorben

Als er vor zwanzig Jahren geboren wurde, fing man an, ein Grab für ihn zu bauen. Jedes Mitglied der Gemeinschaft musste an den Arbeiten teilnehmen. Was für eine Organisation, wenn dreißigtausend Leute wie eine Maschine zusammenhelfen! Nach den großen Überschwemmungen des Flusses musste auf den Feldern zuerst gesät werden, dann kamen alle zum Bau zurück, um während der Erntezeit wieder auf den Feldern geschäftig zu sein.
Die Arbeiten begannen früh am Morgen, wenn die Sonne noch nicht so hoch stand, um die Mittagszeit kehrten alle zu ihren Zelten zurück, am Nachmittag ging es dann weiter. Für ihre Verpflegung mussten sie selbst sorgen, jeder opferte sich für den Gott.
In der Wüste gab es keine Steine, sie mussten aus den Bergwerken von weit her auf Schiffen den Fluss hinunter zum Bauplatz gebracht werden. Manchmal fiel so ein tonnenschwerer Steinblock und zerquetschte zehn oder zwanzig Arbeiter unter sich, dann wurde eine neue Gruppe gerufen, nach ein paar Stunden ging es weiter, der gewichtige Block wurde auf das Baugelände gebracht. Um die Toten kümmerten sich die Geier, eine saubere Müllabfuhr, kein Knöchelchen blieb liegen.
Das Ziel war klar, das Grab musste vor dem Tod des unsterblichen Gottes fertig sein. Wenn er länger lebte, wurde ausgebessert und verschönert. Die Pläne für das Innere des Grabes waren geheim, die Architekten und Arbeiter, die an dessen Konstruktion teilnahmen, wurden später getötet, um eine Plünderung zu verhindern.
Manchmal ritt der junge Gott an seinem eigenen Grab vorbei, um die Fortschritte der Arbeiten zu beobachten.
Der Sohn des noch lebenden Gottes wurde geboren, und so begann man sofort mit einem neuen Grab. Ein neuer Gott? War die Welt nicht zu Ende, wenn ein Gott starb? Nun sollte es plötzlich weitergehen?
Der Held unserer Geschichte hieß Schakal. Er war am gleichen Tag geboren, wie der Gott, und deshalb ausgewählt worden, den Gott lebendig in sein Grab zu begleiten, um ihm im Jenseits zu dienen. Während seiner Kindheit passte jeder im Dorf auf ihn auf, und niemand bestrafte ihn, wenn er etwas ausgefressen hatte. In seiner Jugend brachte ihn dann ein Priester weg von seinem Dorf in ein Kloster, wo er auf die kommenden Aufgaben vorbereitet werden sollte. Als er fünfundzwanzig Jahre alt war, starb der unsterbliche Gott und deshalb brachte man unseren Helden mit anderen seinesgleichen auf einem kleinen Schiff den Fluss hinunter, um zusammen mit dem Toten lebendig begraben zu werden.
Der Wasserstand war zu dieser Zeit des Jahres sehr niedrig, deshalb musste das Schiff mehrmals aus Sandbänken befreit werden. Dann wurde der Fluss endlich breiter und man hielt sich in der Mitte. Ruhig plätscherte das Wasser dahin. Diese Sorgenlosigkeit machte auch den Steuermann schläfrig, die Krokodile am Ufer wärmten sich in der Sonne. Als die Blicke unseres Helden so unbekümmert im nassen Element verschwanden, gab es plötzlich einen lauten Krach. Das Schiff war auf ein Riff gelaufen und sank in rasender Schnelle. Dies machte auch die Krokodile aufmerksam, langsam bewegten sie sich ins Wasser. Ein unerwartetes Mittagessen oder eine Gabe Gottes? Die Reisenden sprangen ins Wasser. Aber in welche Richtung sollten sie schwimmen? Von überallher kamen die Hungrigen. Vielleicht hätten viele mehr eine Überlebenschance gehabt, wenn sie zusammen in eine Richtung geflohen wären, weil die Tiere aus dieser Richtung nicht alle Menschen hätten schnappen können.
Als unser Held wieder aufwachte, lag er in einem Boot und hörte Hilferufe und das Schlagen der Paddel, mit denen man versuchte, die aufdringlichen Tiere fernzuhalten. Er kannte diese Leute nicht, die er da sah, wusste nicht, woher sie so plötzlich gekommen waren. Nach ein paar Minuten wurde das Ufer erreicht. Von dem Schiff und seiner Besatzung zeugte nicht die kleinste Spur.
Wer hatte ihn gerettet? Es waren Vogelfreie, die eigentlich das Schiff ausrauben wollten. Jetzt war er ihr Gefangener, er würde für sie arbeiten müssen, bis sie ihn in irgendeiner Siedlung als Sklave verkaufen. Als er ihnen erzählen musste, warum er auf dem Schiff war, fluchten sie fürchterlich, weil die Schätze für die Grabkammer versunken waren, aber fügten gleichzeitig lachend hinzu, dass unser Held Glück gehabt habe, weil er jetzt nicht lebend begraben würde, sondern weiterleben könne. Was diese Gottlosen hier aussprachen, war für ihn unverständlicher Blödsinn. Hatte er sich nicht sein ganzes Leben darauf vorbereitet, dem Herrscher und Gott im Jenseits zu dienen?
Als Gefangener nahm er mit den Gesetzlosen seinen Weg durch den Urwald. Er musste für sie Holz sammeln, Feuer machen und kochen. Nach ein paar Tagen kamen sie zu einem kleinen Kloster, das sie angriffen und ausraubten. Auch einige Gräber fielen ihnen zum Opfer. Sie verkauften die ergatterten Schmuckstücke und Sklaven meist an reiche Wüstennomaden, die mit dem Flussvolk in ständigem Konflikt standen.
Unser Held musste jetzt Kamele hüten und beim Zeltauf- und –abbau helfen. An Flucht war nicht zu denken, weil er alleine in der Wüste umgekommen wäre. Sie zogen von Oase zu Oase. Eigentlich wusste er nicht, wo er war. Und langsam gewöhnte er sich daran, weiterzuleben, erlernte die Sprache und Sitten dieses fremden Volkes, von dem man ihm so viel Schlechtes erzählt hatte.

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Sunday, 17 January 2016

146) Written by Rainer: rainer.lehrer@yahoo.com
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Was ist das größte Problem für die Zukunft Europas?

Nach der Hysterie des Jahres 2015 ist mancher geneigt die Einwanderung großer Massen aus Asien und Afrika nach Europa, und den damit in Verbindung gebrachten, islamistischen Terrorismus zum größten Problemkomplex zu erklären.
Ein kleiner Überblick über die Geschichte Europas des zwanzigsten Jahrhunderts hingegen zeigt sofort, dass hier aus einer Ameise ein Elefant gemacht wurde. Während des ersten Weltkrieges gab es achtunddreißig Millionen Tote und zwanzig Millionen Flüchtlinge, im zweiten Weltkrieg achtzig Millionen Tote und dreißig Millionen Flüchtlinge, im Krieg in Jugoslawien hundertvierzigtausend Tote und vier Millionen Flüchtlinge.
Auch mit dem Terrorismus steht es nicht besser. Angefangen beim Mord des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo 1914 über ETA im Baskenland, IRA in Nordirland, die Roten Brigaden in Italien, oder die RAF-Gruppe in Deutschland.
Wie jeder aus dem aufgezählten Sachverhalt erkennen kann, ist es die Aufgabe in Europa ein vereinigtes, liberales Staatsgebilde aufzubauen, um neue, europäische Kriege zu verhindern.
Was waren die Ursachen, oder besser die Gründe dieser drei blutigen Großkonflikte? Nationalismus und Religion, weil diese Denkrichtungen immer zur Unterdrückung anderer Ethnien oder Glaubensgruppen führen.
Geschehnisse, wie der Holocaust, die kein jüdisches, sondern ein europäisches Drama darstellen, weil es im zwanzigsten Jahrhundert noch möglich war, dass so etwas passieren konnte, müssten jedem die Augen öffnen. Der rechtsgerichtete Populismus Le Pens, Jörg Heiders, Orbáns, Katschinskis oder verschiedener, neuer neonazistischer, neofaschistischer Gruppierungen geht unweigerlich auf Intoleranz und Konfrontation verschiedener Ethnien hinaus.
Europa war auch nie einheitlich christlich. Außer protestantischen, katholischen, orthodoxen Richtungen gab es eine Vielfalt von Sekten. Ein großer Teil der Symbole und Feiertage ist heidnischer Herkunft.
Die Spieler/Sportler europäischer zum Beispiel Fußballmannschaften sind größtenteils asiatischer, afrikanischer oder südamerikanischer Abstammung. Europa hat nur dann eine Zukunft, wenn sie auch weiterhin fähig ist, neue kulturelle Einflüsse einzubauen, Ideen und neuen Schwung anderer Ethnien zu integrieren.

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145) Written by Rainer: rainer.lehrer@yahoo.com
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Der reiche Dumme und der arme Wissenschaftler

rD: Du hast den Ruf, viel zu wissen. Erkläre mir bitte, warum ich sehe, dass die Sonne im Osten auf und im Westen untergeht.
aW: Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse, aber weil du auf der Erde stehst und nicht merkst, wie du dich mit ihr bewegst, scheint es dir, als ob die Sonne sich bewegen würde.
rD: Das ist sehr interessant. Ich habe vor ein paar Jahren über meinen Schwager vom König das Recht erhalten, alle Hotels in der Stadt zu betreiben. Und seit dieser Zeit warte ich immer darauf, dass die Sonne untergeht, weil sich dann die Kassen in meinen Hotels füllen.
aW: Ich weiß, ich bin dein Buchhalter, zähle dein Geld, trage die Beträge in die Bücher ein und sage dir, wie hoch die Ausgaben sind, oder wieviel Geld für dich in der Kasse bleibt.
rD: Und wie kommt das Getreide in meine Mühlen, für deren Betrieb ich das Recht beim Fürsten kaufte?
aW: Aus jedem Kern und Korn entspringt ein Spross, der sich dann vom Wasser, Boden und Sonnenlicht ernährt.
rD: Du möchtest also sagen, dass ich mich auch darüber freuen soll, wenn die Sonne scheint!
aW: Natürlich!
rD: Wir sind das Beste, was Gott geschaffen hat und befinden uns deshalb im Mittelpunkt der Welt. Alles kreist um uns. Auch die menschliche Gesellschaft hat Gott so eingerichtet. Im Mittelpunkt stehen der König und die geistlichen Würdenträger, dann kommt der Adel, später die von der Gnade des Fürsten erhobenen Geschäftsleute, wie ich. Die nächste Runde bilden vielleicht solche ärmlichen Wisser, wie du. Ganz am Rand haben wir die dummen Bauern und Schweinehirten.
aW: Entschuldigung! Ich muss dich korrigieren. Die Sonne ist der Mittelpunkt und die Erde kreist fast in am Rand, ist außerdem ziemlich klein.
rD: Das kann nicht sein! Gott habe sein bestes Werk, den Menschen in der Abstellkammer vergessen. Am Ende wirst du Einfallspinsel mir noch behaupten, das Gott nichts geschöpft habe, dass es ihn überhaupt nicht gebe, dass wir Demokratie brauchen. Eine Volksregierung ist immer schwach, das Land benötigt eine starke Hand. Da waren die Griechen, die sich zerstritten, dann kamen die Römer und schufen ein Weltreich.
aW: Ging es wohl dem kleinen Mann bei den Kaisern besser, als bei den freien Griechen?
rD: Frei? Die kleinen Leute, wie du sie nennst, der Pöbel! Sie haben keine Kultur und benehmen sich wie Zigeuner. Sie brauchen einen Führer, sonst können sie keine Kriege gewinnen. In den Geschichtsbüchern gibt es Bauern nur als Soldaten und Weiber nur als Ehefrau und Mutter. Wehe dem Tag, an dem Gott verleugnet und der König geköpft wird, dann beginnt das Chaos. Deshalb müssen wir, die Elite und die Kirche darauf achten, den heutigen Zustand zu bewahren.

Anhang: Lieber Leser, der du in der Zukunft und in Demokratie lebst, beurteile selbst, wo du lieber leben würdest! In der alten Ordnung? Oder im modernen Chaos?

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